Von Brigitte Selden ‒ 22. Mai 2026

Wer mit Christiane Brasseur über Architektur spricht, merkt schnell: Für sie ist Bauen mehr als eine Frage der Form. Es geht um Haltung, Verantwortung und darum, wie Lebenswege Räume prägen. Ihre eigene Geschichte beginnt weit entfernt vom Zürichsee, im damaligen Belgisch Kongo. Ihr Vater, ein luxemburgischer Bauingenieur, und ihre Mutter, eine gebürtige Zürcherin, hatten Europa nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs verlassen. In Katanga und später in Burundi fanden sie jene Freiheit, die sie in der alten Heimat nicht mehr sahen.
«Ich fühlte mich als Afrikanerin», erinnert sich Christiane Brasseur an eine Kindheit «ohne Rassentrennung». Doch mit dem Vordringen des Kalten Krieges erreichten politische Unruhen auch Ostafrika. Die Familie musste fliehen; Brasseur war acht Jahre alt. Die Ankunft in der Schweiz sei ein Schock gewesen. Die fünfköpfige Familie lebte monatelang in zwei feuchten Kellerzimmern in Erlenbach, während Verwandte in den oberen Etagen Seesicht genossen. «Man erwartete von mir Unterwürfigkeit, weil ich ein ‹armes Flüchtlingskind › war», sagt sie. Christiane Brasseur setzte jedoch auf Eigenständigkeit und Bildung. «Ich sprach mehrere Sprachen und war in der Schule sehr gut, ich hatte bereits viel gesehen.»
Ihr technisches Interesse und ihre Affinität zur Gestaltung führten sie an die ETH Zürich. «Ich wollte eigentlich malen», sagt sie. Zeichnen und Malen seien ihr immer Rückzugsort gewesen. Gleichzeitig suchte sie einen technischen Beruf mit gestalterischen Möglichkeiten. Die ETH sei dafür «leider die beste Schule» gewesen – «leider», weil sie nach der Matur eigentlich aus der Schweiz wegwollte. Damals war Christiane Brasseur zwar bereits eingebürgert, doch immer noch Luxemburgerin. «Ich dachte, ich bleibe in Zürich, bis ich mein Studium abgeschlossen habe, und verlasse dann die Schweiz», sagt sie. Doch Ihre «Auswanderung» führte nur bis ins Tessin. Ihr erster grosser Auftrag glich einem Sprung ins kalte Wasser. Ein römischer Hotelier hatte in Lugano ein marodes Gebäude aus der Jahrhundertwende direkt an einer Felswand erworben und suchte eine unabhängige, unbestechliche Fachperson. «Er wollte nicht mit der lokalen Bau-Mafia zusammenarbeiten und sah in mir ein Greenhorn, das noch zu jung war, um korrupt zu sein», sagt Brasseur schmunzelnd. Das Projekt war technisch anspruchsvoll: Ein 42 Meter langes, sieben Geschosse hohes Gebäude, stark heruntergewirtschaftet, musste mit minimalen finanziellen Mitteln saniert werden. «Dort habe ich wirklich das Bauen gelernt», sagt die Architektin. Die italienischen Bauarbeiter hätten sie sofort akzeptiert. Gleichzeitig habe sie die Schattenseiten der damaligen Tessiner Gesellschaft erlebt: Intrigen, Steuerflucht, Korruption. «Diese Jahre prägen bis heute meine anhaltende Abneigung gegen den Weg des geringsten Widerstands», resümiert Christiane Brasseur.
Zurück in Zürich folgte ein Projekt, das ihren Namen in der gesamten Schweizer Branche festigte: die Neugestaltung der «Seeschau» in Erlenbach für den Medienunternehmer Beat Curti. «Etablierte Experten waren der Meinung, ein Neubau sei dort unmöglich», erzählt sie. Christiane Brasseur arbeitete sich selbstständig durch die Gesetzestexte und fand eine baurechtliche Möglichkeit, die den Abbruch und einen Neubau erlaubte. Curti gab ihr daraufhin die Chance, ihre Vision umzusetzen – ein Meilenstein ihrer Karriere. Sie wurde nun in der Branche ernst genommen und konnte daraufhin zahlreiche anspruchsvolle Neubauten und auch Umbauten von denkmalgeschützten Häusern realisieren. Auch privat bewies Christiane Brasseur Weitblick. Vor rund 30 Jahren ersteigerte sie in Erlenbach ein Grundstück, das von der Gemeinde als «unbebaubar» eingestuft worden war. Sie liess sich davon nicht beirren, kaufte das Land und realisierte dort ihr eigenes Haus. Ihr Engagement im Dorf blieb jedoch nicht auf das Private beschränkt. Seit 2006 präsidiert Christiane Brasseur den Verschönerungsverein Erlenbach (VVE) mit grossem Engagement. Als 2011 ein Gestaltungsplan vorgelegt wurde, der den Bahnhofbereich mit grossvolumigen Bauten stark verdichten sollte, wurde sie zur zentralen Stimme des Widerstands. Zwölf Jahre lang stellte sie sich gegen die Planung, die sie als überdimensioniert und ortsbildfremd empfand. «Trotz Anfeindungen habe ich an meiner Position festgehalten», konstatiert sie. Mit Erfolg: 2023 wurde ihre Einzelinitiative gegen den Gestaltungsplan mit 75,8 Prozent der Stimmen angenommen.
Trotz ihrer langen Verbundenheit mit Erlenbach zog Christiane Brasseur vor drei Jahren in den Zollikerberg. «Ich sass mit meinem Haus auf einem Millionenobjekt, aber ich war nicht liquide», sagt sie rückblickend. Mit der ihr eigenen Entschlossenheit verkaufte sie die Liegenschaft und entschied sich für einen Neuanfang. Dass heute eine junge Familie mit zwei Buben ihr ehemaliges Zuhause belebt, freut sie besonders: «Die Kinder haben so Freude an meinem Teich und den Molchen – das Haus ist wieder lebendig.» Im Zollikerberg hat Christiane Brasseur ein neues Zuhause gefunden. Sie lebt heute in einem der markanten weissen Tiny Houses an der Forchstrasse – ein Ort, den sie mit ihrem fachkundigen «Bauführer Blick» bewusst gewählt hat. Sie schätzt die Normalität des Quartiers, die Gartenstadt Atmosphäre und den unkomplizierten Austausch unter Nachbarn. «Zollikerberg ist noch ein echtes Dorf, hier grüsst man sich im Bus», sagt sie zufrieden. Für sie ist der Ort mehr als eine neue Adresse: ein Umfeld, das Ruhe, Gemeinschaft und Bodenhaftung verbindet. Obwohl sie nun im Zollikerberg lebt, bleibt Christiane Brasseur Erlenbach eng verbunden. Als Präsidentin des VVE engagiert sie sich weiterhin für Ortsmuseum und Gemeindearchiv – ein Projekt, das für sie auch den Schutz der historischen Identität vor dem Bauboom bedeutet. Ihr Blick für das, was ein Dorf lebenswert macht, bleibt der Region erhalten.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.