Eine Philosophie aus Zollikon

Von Joachim Lienert ‒ 29. Mai 2026

Peter Stüber hat sein Unternehmen zu einer Grösse von mehreren Tausend Mitarbeitenden geführt, als Präsident stand er zweiundzwanzig Jahre lang der Tonhalle-Gesellschaft und zwölf Jahre der Handelskammer Deutschland-Schweiz vor, und er sammelt mit Leidenschaft Kunst. Jetzt hat er ein Buch über die grossen Fragen der Philosophie geschrieben – mit 86 Jahren.

Mit Gedanken über Philosophie und Philosophen schlägt er einen Bogen vom Glauben zum Wissen: Peter Stüber in seinem Garten in Zollikon. (Bild: jli)
Mit Gedanken über Philosophie und Philosophen schlägt er einen Bogen vom Glauben zum Wissen: Peter Stüber in seinem Garten in Zollikon. (Bild: jli)

Peter Stüber liest viel. So viel, dass sich im Laufe der Zeit eine Reihe von Ordnern mit Zusammenfassungen seiner Lektüren im Gestell angesammelt hat. «Soll man das wegschmeissen?», fragte er sich. Der Publizist Roger de Weck ermunterte ihn, ein Buch zu veröffentlichen. So entstand «Vom Mythos zum Logos». Es beschäftigt sich mit den Grundfragen der Philosophie – und damit mit der verschriftlichten Geschichte der Menschheit. Peter Stüber schlägt einen Bogen von den alten Griechen über die Entstehung der Religionen bis zu den Philosophen der Neuzeit. Der 86-Jährige steht für einen kritischen Rationalismus ein. «Bis ungefähr 600 vor Christus, als der Naturphilosoph Thales von Milet auftrat, versuchte man, Ereignisse auf übernatürliche Eingriffe zurückzuführen. Wenn es regnete, dann war das Zeus, und wenn es auf dem Meer stürmte, dann hatte Poseidon aus Zorn seinen Dreizack in den Meeres­boden geschleudert», erläutert Peter Stüber. Thales konnte eine Sonnenfinsternis vorhersagen und machte damit eine göttliche Einflussnahme unnötig. «Das ist der Schritt vom Mythos zum Logos. Ich will loskommen von einem mythischen Denken zu einem rein rationalen; wobei ich Mythen unglaublich spannend finde, auch die Bibel oder die Nibelungensage.» Als Kind wurde er vom Christentum geprägt, er ging in Zollikon in den Konfirmandenunterricht. «Und dann empfahl mir Pfarrer Erich Brenk, ich solle mal ein Buch des Philosophen Karl ­Jaspers lesen. Später stiess ich auf C. G. Jung. Seine Idee, dass man die Religion sehr ernst nehmen kann, wenn man sie als innerpsychische Erfahrung wahrnimmt, war ein Wendepunkt für mich.»

Was können wir wissen? Was sollen wir tun?

2500 Jahre Geschichte des denkenden Menschen sind auf rund 300 Seiten komprimiert. «Ich versuche, das Ganze an den berühmten drei Fragen von Immanuel Kant aufzuhängen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir glauben?» Ein zweibändiges Werk des kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas, je 800 Seiten stark, stiess ihn vor den Kopf und beflügelte seine eigene Publikation. «Er redet über Platon und alle Philosophen der Antike. Aber der Wiener Kreis, eine aussergewöhnliche Gruppe von Philosophen, kommt überhaupt nicht vor.» Das wollte er anders machen. Er erinnert daran, dass in Wien 1895 ein zusätzlicher Lehrstuhl für Philosophie geschaffen wurde, auf den man einen Physiker berief, keinen geringeren als Ernst Mach (der mit der Schallgeschwindigkeit). Um ihn, später auch um seinen Nachfolger, den Physiker und Mathematiker Ludwig Boltzmann, versammelten sich Philosophen und vor allem ­Naturwissenschaftler wie Moritz Schlick oder Rudolf Carnap. Philosophie und Naturwissenschaft gingen Hand in Hand. «Vom Mythos zum Logos» will dem Wiener Kreis wieder seine verdiente Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Philosoph und Unternehmer

Philosophie bedeutet für den studierten Ökonomen und Unternehmer Peter Stüber, sich Gedanken zu machen. Schon der Urvater der Ökonomie, Adam Smith, habe einen Lehrstuhl für Moralphilosophie innegehabt. So sei die ­Wirtschaft aus der Philosophie hervorgegangen. Auch Peter Stüber widmete sich nicht nur dem Nachdenken, sondern setzte es ins Tun um. Sein ­Vater hatte ein Unternehmen übernommen, die Mercedes-Benz Automobil AG, die Peter ­Stüber zum Konzern Merbag mit heute 4400 Mitarbeitenden und Standorten in fünf Ländern formierte. Seit 2019 wird der grösste Mercedes-Benz-Händler Europas von seine Tochter Karin Stüber geführt. In seiner 22-jährigen Amtszeit (1992 bis 2014) als Präsident der Tonhalle-Gesellschaft entwickelte sich das Tonhalle-­Orchester zu einem Symphonie­orchester von Weltruf. Er ist bekennender Audiophiler und passionierter Kunstsammler. «Vom Mythos zum Logos» trägt die Philosophie bis in die Gegenwart und die Zukunft. Am Ende stellt es den Leser und die Leserin wieder vor die grossen Fragen des Lebens: Was sollen wir heute tun? Was dürfen wir glauben? Wie geht es weiter? Haben die Philosophen diese Fragen für Peter Stüber selbst beantwortet? «Ich habe die Philosophen aufgeführt, deren Überlegungen mir am meisten einleuchten. Kant sagte: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. Das gilt noch immer.» Noch einen Satz schiebt er nach, er könne auch jungen Menschen als Richtschnur dienen: «Konfuzius sagte lapidar: Nicht das soll einen kümmern, dass man kein Amt hat, sondern das muss einen bekümmern, dass man dafür tauglich werde.» Trotz der politischen Verwerfungen auf der Welt bleibt er positiv gestimmt. «Ich bin ein unerschütterlicher Optimist. Manche Menschen haben die Tendenz, hinter allem etwas Schlechtes zu sehen. Aber man könnte nicht mit Menschen zusammenarbeiten, wenn man nicht das Gute in ihnen sähe.» Peter Stübers Blick auf die Philosophie regt zum Nachdenken an – über die grossen Fragen ebenso wie über die kleinen, die unseren Alltag prägen. Er zeigt, was Trost spenden und was neue Sichtweisen auf das Leben eröffnen kann. Und er macht deutlich, dass wir Menschen, seit wir schreiben und denken können, nach Erklärungen dafür gesucht ­haben, wer wir sind, wohin wir gehen und welchen Platz wir in unserer Gesellschaft einnehmen.

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