Kunst am Bau? Kunst an der Baustelle

Von Joachim Lienert ‒ 29. Mai 2026

Grosse Kunst von kleinen Künstlern: Die Schülerinnen und Schüler der privaten Schule am Wald in der Trichtenhausermühle verschönerten eine Wand der Baustelle an der Sonnengartenstrasse. Nach Abschluss der Bauarbeiten sollen die Bilder für einen guten Zweck versteigert werden.

Willkommen im Zirkus: Die Freiluft-Manege am Neuweg lädt zur Besichtigung.
Willkommen im Zirkus: Die Freiluft-Manege am Neuweg lädt zur Besichtigung.

Sie halfen einander, sie malten, sie bohrten, sie schraubten, sie hängten auf – jetzt ist die Freiluft-Galerie am Neuweg – der kleinen Verbindung zwischen Neuacker- und Sonnengartenstrasse – offen für alle. Einen Monat lang hatten sich die Kinder der Schule am Wald dem Projekt «Bilder auf der Baustellenwand zum Thema Zirkus» gewidmet, am letzten Freitag montierten sie die Werke. An der Sonnengartenstrasse entstehen zurzeit 22 Mietwohnungen der ­Neuen Baugenossenschaft Zollikon NBZ (ZoZuBo 42/2025). Barbara von Arx, die Ver­walterin der NBZ, sagt: «Eine Arbeitskollegin erzählte uns von einer bemalten Baustellenwand. Wir fanden die Idee schön, spannen den Gedanken weiter und fragten Schulen in Zollikon an, ob sie interessiert wären mitzumachen. Die Schule am Wald war sofort dabei.» Die kleine Tagesschule unterrichtet rund 15 Schülerinnen und Schüler der 1. bis 6. Primarschule in altersdurchmischten Klassen. Das Thema Zirkus kam auf, weil an diesem Ort der Zirkus Stey viele Jahre lang gastiert hatte.

Erinnerungen an die Zirkuswiese

Ursprünglich hegte die NBZ die Idee, die Baustellenwand direkt zu bemalen. Es stellte sich jedoch heraus, dass sich der instabile Kunststoff dafür nicht eignete. «Ausser natürlich für Spraydosen. Aber von FCZ-Sprayereien haben wir ja schon genug», sagt die Verwalterin lachend. Deshalb entschied man sich für stabile Kunststoffplatten, die sich als fertige Bilder montieren liessen. Nannette Bratteler leitet die Schule am Wald zusammen mit Martina De Lusi. Sie sagt: «Solche Projekte, bei denen wir für die Gemeinde arbeiten können, sind wertvoll und machen wir sehr gerne.» Das Aufhängen der Kunstwerke sei für alle ein besonderer Moment gewesen. «Es war berührend, wie viele Vorbeigehende Freude daran hatten, dass die Kinder so etwas Schönes machen.» Vor allem ältere Leute hätten sich über die Zirkusmotive gefreut und sich sofort an den Zirkus Stey erinnert. Die Kinder lernten viel bei der Arbeit. Sie zeichneten die Sujets zunächst auf Papier und übertrugen sie anschliessend mithilfe eines Rasters vergrössert auf die grossformatigen Kunststoffplatten. Diese bemalten sie mit ­Acrylfarbe, zogen die Konturen mit Stiften nach und versiegelten zum Abschluss die Bilder mehrfach mit Klarlack.

Eine Ehre für die Kinder

Nannette Bratteler ist glücklich: «Die Kinder sind so stolz. Sie empfanden es als Ehre, die Baustellenwand zu verschönern und etwas für die Allgemeinheit zu tun. Etwas vom Schönsten war für sie die Belohnung in Form des direkten Feedbacks der Spaziergängerinnen und Spaziergänger.» Die Genossenschaftswohnungen an der Sonnengartenstrasse sind ­voraussichtlich im Herbst 2027 bezugsbereit. Wenn die Baustellenwand entfernt wird, plant die NBZ die Bilder zu versteigern. Die Verwalterin sagt: «Wir wissen noch nicht genau, wem wir den Erlös spenden. Wir dachten ans Kinderspital, vielleicht gibt es aber auch in Zollikon eine Institution, die Spenden brauchen kann.» Eine Hoffnung hegt die Verwalterin: «Dass die Bilder während der Bauzeit nicht beschädigt oder versprayt werden. Doch dieses Risiko gehen wir ein.

Galerie am oberen Neuweg

Auch unserer Leserin Susann Grunauer aus dem Zollikerberg sind die Bilder sofort aufge­fallen. Sie schickte uns ein Foto und schreibt dazu: «Die 14 bunten Bilder an der Bauabschrankung erinnern uns an den ­Zirkus Stey. Auf diesem Grundstück feierte der Zirkus jeweils die Premiere, zu Beginn mit vielen Tieren, sogar Raub­katzen. Die gelungenen Schülerwerke zeigen die fröhlich bunte Zirkuswelt. Die Kinder, die diese Bilder gemalt haben, genossen offensichtlich einen hervorragenden Kunstunterricht. Die gekonnte Verein­fachung und Abstraktion erzeugt eine wirkungsvolle Bilds­prache: Zirkusatmosphäre pur. Gratulation den Schülerinnen, Schülern und den Lehrpersonen. Was hinter der Bauwand auf der Baustelle geschieht, kann ich nicht abschätzen. Zu komplex erscheint die vielfältige Arbeit. Wie am Schnürchen drehen und wenden sich die beiden Krane, die Arbeiter kommunizieren auf der riesigen Baustelle manchmal laut rufend, alles ist perfekt organisiert, und die Gebäude haben die unterste Etage schon erreicht. Das grosse Kunstwerk nimmt Gestalt an. Schön, dass sich hier Kinderkunst und ­Baukunst begegnen. Beides ist sehenswert.»

Einige Zirkus-Sujets – und stolze Künstlerinnen und Künstler. (Bilder: zvg)
Einige Zirkus-Sujets – und stolze Künstlerinnen und Künstler. (Bilder: zvg)

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