Von Lea Moser ‒ 29. Mai 2026

Seit zehn Jahren geniesst er sein Rentnerleben. Mit 70 noch so gesund und fit zu sein, sei nicht selbstverständlich. «Jeden Morgen bin ich dankbar, dass ich aufstehen kann, ohne dass mir etwas wehtut.» Er trainiert mindestens zwei Mal pro Woche Kraft und Ausdauer und schwimmt gerne im See. «Ich mache Übungen für den Bauch und die Rückenmuskulatur. Sport hat schon lange einen hohen Stellenwert in meinem Leben.» Im Alter zwischen 18 und 35 war er eine richtige Sportskanone: Er joggte jeden Abend 10 bis 15 km, machte asiatische Kampfsportarten, ging regelmässig schwimmen und windsurfen, spielte Tennis und fuhr oft Ski. Letzteres ist heute noch seine Leidenschaft. Weihnachten bis Ostern verbringt er in der Ferienwohnung im Val Lumnezia und steht dort täglich auf den Ski.
Mit Kampfsport begann Hansjörg Beutl schon früh. Als er als Fünfjähriger mit seinen Eltern nach Zumikon zog, wurde er regelmässig von den einheimischen Nachbarskindern verdroschen. Auf dem Weg in den Kindergarten musste er durch eine Unterführung. Oben sassen die älteren Kinder und passten ihn ab. «Meine Eltern fanden, ich müsse lernen, mich durchzusetzen, und schickten mich in einen Kinderboxkurs. Bald merkten die Nachbarskinder, dass es gesünder für sie ist, mich in Ruhe zu lassen.» Leider habe er seine Verteidigungs-Boxkünste nicht gegen seine Lehrer einsetzen dürfen. Damals herrschten noch andere Zeiten – körperliche Strafen in Schulzimmern waren an der Tagesordnung. Abgesehen davon verbrachte er eine schöne Kindheit und Jugend in einem Haus mit grossem Garten und Familienhund. Seine Eltern bauten es 1962 mit einem etwas eigensinnigen Architekten. Dieser wollte sich verwirklichen und hatte die verrückte Idee, im Wohnzimmer einen Rasen anzulegen. Als Alternative schlug ein anderer Architekt eine Birke mit Vogelhäuschen vor – diese wurde dann realisiert. An den Enden der tragenden Sichtbalken des Cheminéeraums sind die Gesichter der Eltern sowie ein Stab mit einer Schlange und das Grenadierwappen eingeschnitzt. Auch dies war das Werk des Architekten. Der Vater war Frauenarzt in der Frauenklinik des Universitätsspitals, die Mutter war Moulageuse – ein sehr seltener und kaum bekannter Beruf. Ihre Aufgabe war es, oberflächliche Krankheitsbilder für Medizinstudenten nachzumodellieren. Sie hatte die Kunstgewerbeschule absolviert und wurde von einer erfahrenen Moulageuse in den Beruf eingearbeitet, da es keine formale Ausbildung gab. Auch sie arbeitete am Universitätsspital, in der Dermatologie. Das Paar konnte in der oberen Etage des Spitals eine Wohnung für Angestellte mieten. Als Hansjörg zur Welt kam, sorgte eine Nanny für ihn, da seine Eltern tagsüber beide arbeiteten.
Lange wusste er nicht, was er werden wollte. Seinem jüngeren Ich würde er heute raten: «Setze dich früher mit deinen beruflichen Möglichkeiten und Interessen auseinander. Definiere dein Ziel und verfolge dieses konsequent.» Nach der Sek ging er an die Handelsschule und absolvierte ein einjähriges Praktikum auf einer Bank. «Das war definitiv nichts für mich. Dann ging ich für ein Jahr ins Militär und machte einen Sprachaufenthalt in London.» Anschliessend fand er eine Anstellung bei Esso Schweiz. Er war für die Rohöltransporte von Frankreich und Italien in die Raffinerie in Collombey im Wallis verantwortlich. Nach fünf Jahren wechselte er zu einer Chemierohstoffhandelsfirma. Endlich hatte er seinen Platz gefunden. Die vielen Tätigkeiten im In- und Ausland machten ihm Spass. Während 30 Jahren durchlief er verschiedene Positionen: vom Chemikalienverkäufer über den Bereichsleiter Oleo- und Mineralchemie zum Produkt- und Marketingmanager für Industriechemierohstoffe. «Meine Frau arbeitete bei einem unserer Lieferanten – einem Chemieproduzenten – im Verkauf. Es war wichtig, gute Beziehungen zu den Lieferanten zu pflegen, daraus wurde dann mehr. Einen Tag vor meinem 30. Geburtstag haben wir geheiratet.» Die letzten fünf Jahre in der Firma seien jedoch kein Zuckerschlecken gewesen: Das Unternehmen wurde mehrmals übernommen, und jeder Besitzer wollte das Rad neu erfinden. «Mit 60 hatte ich genug und ging in Frühpension. Meine Frau arbeitete damals in Wädenswil und ich in Zürich. Deshalb lebten wir von 1983 bis 2011 in Stäfa.»
Seit 15 Jahren wohnt das Paar in seinem Elternhaus in Zumikon. Den Garten hat Hansjörg Beutl umgestaltet und ein Biotop angelegt. «Man muss einiges an Zeit investieren, wenn man es schön haben will. Deshalb liebe ich den Winter so, da kann man nichts im Garten machen.» Das Haus steht nicht mehr so allein wie früher. Aus dem einstigen Bauerndorf, wo jeder jeden kannte, sei eine zum Teil recht anonyme Gesellschaft geworden. «Zum Glück gibt es die Vereine. Da kommt man mit unterschiedlichen Menschen zusammen, mit denen man sonst keinen Kontakt hätte.» Und die Erinnerungen und manche Freundschaften bleiben für immer. Noch heute trifft sich Hansjörg Beutl alias «Pause» mit seinen ehemaligen Kollegen aus der Schul- und Pfadizeit. Zu seinem Pfadinamen kam er, weil er sich als kleines Kind während eines Marschs auf einen Stein setzte und sagte: «Ich muss jetzt mal eine Pause machen.» Gerne erinnert er sich an sein erstes Bundeslager im Domleschg und an die gruseligen Nachtübungen. Seit 1988 ist er Mitglied der Altpfadi Zumikon. Diese betreibt – nebst Ausflügen und dem monatlichen Kegeln im Dorfbistro – die Märtbeiz am Adventsmarkt auf dem Dorfplatz. Er vermisst Begegnungsorte wie das Rössli und die Frohe Aussicht. Es gäbe leider keinen richtigen Ersatz. Seit vier Jahren ist er im Verschönerungsverein. Gerne nimmt er auch an Schiessveranstaltungen teil.
Mit Hunden aufgewachsen, schätzt er die Gesellschaft der treuen Vierbeiner, weiss aber auch, dass es eine grosse Aufgabe ist, diesen gerecht zu werden. Da war «Dog-Sharing» die perfekte Lösung. Donnerstags bis sonntags und während der Ferien der Besitzer lebt Labradoodle «Motek» bei ihnen. «Meine Frau geht morgens spazieren, ich abends. Und am Wochenende machen wir gemeinsam Ausflüge.»
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