Habemus curam ecclesiae

Von Joachim Lienert ‒ 5. Juni 2026

Die Katholiken brauchten Sitzleder am Montagabend. Richtig Schluss mit ihrer Kirchgemeindeversammlung war erst nach Mitternacht. Danach war ganz vieles ganz neu in der katholische Kirchenpflege.

An diesem Abend wies der Präsident Vedran Zrno (rechts) der Kirchgemeinde noch den Weg. (Bild: jli)
An diesem Abend wies der Präsident Vedran Zrno (rechts) der Kirchgemeinde noch den Weg. (Bilder: jli)

«In der Kirche hat es sonst nie so viele Leute», sagt eine Frau und lacht. Tatsächlich, 224 Stimmberechtigte werden gezählt, dazu kommen über 20 nicht Stimmberechtigte, die sich alle in der Kirche Heilige Dreifaltigkeit eingefunden haben. Das Kernthema ist unbestritten: die Jahresrechnung 2025. Sie schliesst bei einem Aufwand von 3,84 Millionen Franken und einem Ertrag von 3,75 Millionen Franken mit einem besser als budgetierten Minus von 90 597.21 Franken ab. Doch heute ist man nicht deswegen in einer Schar von biblischem Ausmass in die Kirche gekommen. Die Rechnung ist auch bei der Rechnungsprüfungskommission (RPK) unbestritten. Das Verdikt: 197 Ja, 3 Nein, 16 Enthaltungen.

Es ist etwas anderes, das die RPK beanstandet. RPK-Mitglied Marc Kempf kommt zur Sache: «Die RPK stellte im Rahmen von zwei Sachbereichsprüfungen Unregelmässigkeiten bei der Vergabe fest.» Heinz Montanari, der die Buchhaltung ab September 2025 führte, sei Mitglied der Kirchenpflege und zugleich ­Mitinhaber eines Treuhandbüros und als solcher nicht unabhängig, sondern offensichtlich befangen. Es bestehe ein Interessenskonflikt zwischen seiner Position als Mitglied der Kirchenpflege und seiner Tätigkeit in der Buchhaltung. Für die Buchhaltungsleistungen seien zudem keine Gegenofferten eingeholt worden. Das verstosse gegen die Vergaberichtlinien der Kirchgemeinde.

Defectus perspicuitatis et conflictus commodorum

Als zweiten Punkt nennt Marc Kempf die Vergabe von Malerarbeiten an die Zumiker Barizzi Malerei GmbH. Diese befindet sich im Mitbesitz von Martin Jud, Mitglied der Kirchenpflege und deren Liegenschaftenverwalter. Diverse Malerarbeiten seien an seine Firma vergeben worden. «Das Auftragsvolumen über die letzten vier Jahre betrug über 200 000 Franken.» Die RPK habe bei der Prüfung verschiedener Projekte unter anderem fehlende Transparenz im Offertverfahren sowie mögliche Interessenskonflikte wegen ungenügender Trennung von Funktion und Verantwortlichkeiten bei der Vergabe von Aufträgen und der Mitwirkung im Offertverfahren festgestellt. Zudem habe eine un­abhängige fachliche Beurteilung bei Auftragsvergaben gefehlt, ebenso wie eine Kontrolle bei der Abnahme ausgeführter Arbeiten. Auch wird der Vorwurf erhoben, die Barizzi Malerei GmbH habe bei mehreren Offerten jeweils die tiefste eingereicht – als letzter Anbieter – und bereits gewusst, was die Konkurrenz offeriert habe.

Bei der anschliessenden Diskussion gibt ein Mann zu Bedenken, Barizzi habe jahrelang Arbeiten für die ­Kirchenpflege ausgeführt. Weshalb habe die RPK erst jetzt, kurz vor den Wahlen, interveniert? Marc Kempf antwortet: «Die RPK prüft die Jahresrechnung stichprobenweise.» Man sei bei einer Diskussion auf das Thema gestossen und habe es im Rahmen einer Sachbereichsprüfung vertieft angeschaut.

Gegenüber dem Zolliker Zumiker Boten äusserst sich der amtierende Kirchenpflegepräsident Vedran Zrno zur Anschuldigung: «Die RPK genehmigte jahrelang die Jahresrechnungen, was nicht nur stichprobeweise, sondern vollumfänglich erfolgte. Erst am Ende der Legislatur erhob sie bei einer zusätzlichen Sachbereichsprüfung schwere Vorwürfe. Dies wirft Fragen zur Prüftiefe, zum Zeitpunkt der Kritik und zu politischen Motiven auf.» Insgesamt erscheinen ihm die Vorwürfe widersprüchlich und durch die ­Einreichung der zusätzlichen Beschwerde «gezielt übertrieben», da der Prüfbericht ohnehin der Aufsichtskommission einzureichen sei. «Wir kennen in diesem Prozess die Abläufe, Fristen, Rechte und Pflichten und sind überzeugt, korrekt gehandelt sowie die Ausstandspflichten eingehalten zu haben.»

Die Kirchenmitglieder machten ihre Wahlzettel zu Denkzetteln – mit einem Ergebnis, das in seiner Deutlichkeit viele überraschte. (Bild: jli)
Die Kirchenmitglieder machten ihre Wahlzettel zu Denkzetteln – mit einem Ergebnis, das in seiner Deutlichkeit viele überraschte.

Praesumptio innocentiae valet

Der Vizepräsident der Kirchen­pflege, Heinz Montanari, der neuer ­Finanzvorsteher werden möchte, sagt, es sei ihm ein Anliegen gewesen, die Buchhaltung in der Tiefe zu kennen und einen guten Übergang sicherzustellen, weil der bisherige Buchhalter in Pension gehe. Die Kirchenpflege habe deshalb den Übergang zusammen mit ihm und dem bisherigen Finanzvorsteher Pius Baumann organisiert. Er legt Wert auf die Unschuldsvermutung: «Bis jetzt hat niemand ein Urteil gefällt, es sind nur Bemerkungen, die aufgenommen wurden.»

Auch der Inhaber der Barizzi Malerei GmbH verteidigt sich. 200 000 Franken klängen nach einem gewaltigen Betrag. Doch das müsse man relativieren. Viele Sanierungsarbeiten seien ausgeführt worden: Man investierte in die sechste Glocke, in Umbauten im Pfarreisaal im Zollikerberg, in die Akustiksanierung sowie den Umbau des Sekretariats im Zollikerberg. Ein grosser Teil des beanstandeten Geldes sei für Gerüstarbeiten, Akustikmassnahmen, Gipser- und Abbrucharbeiten ausgeben worden; der Maleranteil daran sei verschwindend klein gewesen. Auch seien zusätzliche Kosten bei der Sanierung des Kirchturms angefallen. So habe er zum Beispiel einspringen müssen, als der Architekt ausgefallen sei. Jetzt stehe der gigantische Betrag von 200 000 Franken im Raum, verbunden mit dem Vorwurf, die Kirchenpflege habe keine gute Arbeit geleistet. Das finde er nicht fair. Im Gespräch sagt er später: «Ich finde es nicht korrekt, wie man mit uns umgeht. Ich sprang ein paarmal in die Bresche bei Bauprojekten, und ich glaube, wir haben alles richtig gemacht. Man unterschätzt, wie gross die Aufgaben sind.»

Die Fronten sind gesetzt. Die Kirchenpflege projiziert sieben schriftliche Anfragen und die Antworten darauf in den Saal, ohne Namensnennung der Anfragenden. Da tauchen interessante Eingaben auf, zum Beispiel die Frage, weshalb über Jahre ein Airbnb-Zimmer im Pfarrhaus betrieben wurde und an wen die Einnahmen gingen. Die Kirchenpflege antwortete, sie habe Kenntnis von dem Airbnb-Inserat erhalten und es entfernen lassen. Sie habe Abklärungen intern und auch im Austausch mit kirchlichen Stellen aufgenommen, einschliesslich des Generalvikariats, die noch am Laufen seien.

Cui adhuc confidere possumus?

Ein Mann findet, man solle das Urteil der Aufsichtsbehörde abwarten und nicht gleich die ganze Kirchenpflege auf Verdacht hin abwählen. Er plädiert für eine Wiederwahl der bestehenden Behörde. Sollten einzelne Mitglieder Verfehlungen begangen haben, könnten sie ­später einzeln sanktioniert oder aus dem Amt entfernt werden. Ein Rechtsanwalt kontert: «Wir reden hier immer von Unschuldsvermutung. Aber das gilt im Strafrecht. Darum geht es hier nicht.» Vielmehr gehe es jetzt darum, wem man noch vertrauen wolle.

Trotz brisanter Vorwürfe geht es gesittet zu, was viele lobend erwähnen. Weil die Wahl der Mitglieder der Kirchenpflege geheim erfolgt, werden Stimmzettel ausgeteilt. Alle 14 Personen, die sich für die sieben Sitze zur Neuwahl bzw. zur Wiederwahl stellen, durften sich maximal zwei Minuten lang vorstellen. Entsprechend zieht sich der Abend in die Länge.

Und dann wird abgestimmt, die ­Zettel in die Urne geworfen. Hört man sich in der langen Auszählpause draussen in der angenehmen Nacht um, ist keine klare Tendenz auszumachen. Eine junge Frau sagt: «Es geht um Glauben und Zuversicht, nicht um politische Fragen. Die Wahrheit kommt immer ans Licht. Die Kirchenpflege hat vieles gut ­gemacht. Dass man jemanden aufhängt wegen etwas Kleinem, finde ich nicht gut.» Ein älterer Mann entgegnet: «Die RPK hat die Kirchenpflege informiert und sie auf Missstände hingewiesen. Aber wenn man unter Pfarrerstöchtern keinen gemeinsamen Nenner mehr findet, kann das nicht gutgehen. Deshalb bin ich für die Neuen.»

Superbi de iis quae turma effecit

Es ist ein bisschen wie beim Kon­klave: Langes Warten ist angesagt. Es ist 20 vor 12, als imaginierter weisser Rauch über der Kirche aufsteigt. Das Ergebnis der Wahl ist eindeutig: Alle sieben neuen Mitglieder, die sich zur Kampfwahl stellten, sind gewählt – mit zwischen 114 und 135 Stimmen. Anders sieht es auf der Gegenseite der Bisherigen aus: Die Bandbreite reicht von 70 bis 89 Stimmen. Das absolute Mehr beträgt 112 Stimmen. Auch beim Präsidium ist das Verdikt klar: Der «Sprengkandidat» Raphael Widmer erhält 125 Stimmen, der bisherige Vedran Zrno 81. Später, gegen Mitternacht, werden innerhalb von zwanzig ­Minuten bei deutlich gelichteten Sitzreihen auch noch die Mitglieder der RPK gewählt – kampflos, fünf Personen für fünf Sitze.

Vedran Zrno erweist sich als fairer Unterlegener, geht auf die Neugewählten zu, schüttelt ihnen die ­Hände. Dem Zolliker Zumiker Boten sagt er: «Das war unsere am besten durchgeführte Versammlung und gleichzeitig die emotionalste. Ich bin dankbar für die letzten vier ­Jahre, in denen ich Präsident sein durfte, und stolz darauf, was unser Team erreicht hat. Ich wünsche der neuen Kirchenpflege viel Erfolg.

Das meine ich ehrlich.» Der neue Präsident Raphael Widmer sagt: «Ich bin überrascht über die Klarheit des Ergebnisses. Ich freue mich sehr auf die kommenden vier Jahre, wir haben ein super Team.» Daniel Pin, ebenfalls neu gewählt, ergänzt: «Es ist offensichtlich, dass das Vertrauen in die Kirchenpflege nicht mehr da war. Wir konnten nicht warten, bis die Aufsichtskommission entscheidet. Wir haben die neue Aufgabe nicht gesucht, sondern uns aus Respekt gegenüber dem Pfarrer dafür entschieden, um ihn in seiner Arbeit zu unterstützen.»

Der Angesprochene, Pascal Marquard, gibt sich diplomatisch: «Die Diskussion verlief in einer guten Atmosphäre, sie war ein Element gelebter Demokratie. Ich bin dankbar für die Zusammenarbeit mit der bisherigen Kirchenpflege und freue mich auf diejenige mit der neuen.» Trotz der langen Nacht, es ist viertel nach zwölf, kann Pascal Marquard am nächsten Morgen nicht einfach ausschlafen. Er muss eine Beerdigung mit traurigem ­Hintergrund abhalten. «Das ist das, wofür ich da bin: den Menschen Trost zu spenden.»

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