Zollikons Stimme der Europapolitik

Von Brigitte Selden ‒ 5. Juni 2026

Raffaela Vaninis Arbeitsplatz liegt oft mitten in den Schaltzentralen der Politik. Die 61-jährige Simultandolmetscherin ist beruflich in der Schweiz und in ganz Europa unterwegs.

Auf dem internationalen Parkett: Die Zollikerin Raffaela Vanini arbeitet als Simultandolmetscherin für den Schweizer Nationalrat, den Europarat, das Europäische Parlament und die EU-Kommission. (Bild: bse)
Auf dem internationalen Parkett: Die Zollikerin Raffaela Vanini arbeitet als Simultandolmetscherin für den Schweizer Nationalrat, den Europarat, das Europäische Parlament und die EU-Kommission. (Bild: bse)

«Ich bin keine gebürtige Zollikerin, sondern stolze ­Tessinerin», stellt Raffaela Vanini lachend klar. Geboren und aufgewachsen im Südtessin, in Chiasso, zog es sie nach der Matura nach Zürich an die Dolmetscherschule. Nach sechs Semestern erwarb sie das Übersetzerdiplom, drei weitere später das Diplom als Konferenzdolmetscherin. Seit fast 21 Jahren ist Zollikon nun ihr geliebtes ­Zuhause. Heimweh nach dem Süden kennt sie keines: «Das Tessin ist wunderschön für die Ferien, aber beruflich bietet mir Zürich einfach die perfekte Ausgangslage – besonders wegen der Nähe zum Flughafen.»

Dass sie einmal auf dem internationalen Parkett arbeiten würde, war keineswegs vorgezeichnet. «Als ­Jugendliche wusste ich gar nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gibt. Ich wollte nach der Schule schlicht etwas Dynamisches, Praktisches machen», erinnert sie sich. Daraus wurde eine über 30-jährige Karriere, die sie zu Grossbanken, Versicherungen, internationalen Verbänden und in die grossen politischen Institutionen Europas führte. Raffaela Vanini dolmetscht aus dem Deutschen, Englischen, Französischen und Spanischen in ihre Muttersprache Italienisch.

Zu ihren beruflichen Stationen ­gehören der Schweizer Nationalrat, der Europarat sowie seit vielen Jahren das Europäische Parlament und die EU-Kommission. Zudem durfte sie 25 Jahre lang für die FIFA und die UEFA die Welt bereisen: «Das war eine absolut wunderbare Zeit!» Parallel dazu gibt sie ihr Wissen an die nächsten Generationen weiter – heute mit einem kleinen Pensum im Masterstudiengang Konferenzdolmetschen an der ZHAW.

Präzision im Sekundentakt

Viele kennen das Dolmetschen aus dem Fernsehen, von Sportübertragungen oder politischen Talkshows. Der Alltag ist weitaus komplexer. «In den Plenarsitzungen des EU-Parlaments müssen 24 offizielle Amtssprachen abgedeckt werden», erklärt Raffaela Vanini. In der ­italienischen Kabine arbeitet sie mit rund 20 festen Kolleginnen und Kollegen zusammen, unterstützt von Hunderten Freelancern. Simultandolmetschen sei ein mentaler Hochleistungssport: «Es ist eine Frage extremster Konzentration. Deshalb wechseln wir uns in der Kabine alle 20 bis 30 Minuten ab. Länger geht schlicht nicht.»

Während im Plenum meist jeweils die Muttersprache gesprochen wird, dominiert in den Ausschüssen und Fraktionen zunehmend Englisch. «Das macht unsere Aufgabe in der Kabine leider nicht einfacher. Es ist nicht immer das beste, sattelfesteste Englisch. In der Politik kommt es auf jedes einzelne Wort an; Missverständnisse können da schnell heikel werden.» Selbst Abgeordnete, die im Alltag gut Englisch sprechen, würden bei hochtechnischen Details oder politischen Nuancen dann doch schnell zum Kopfhörer greifen.

Beim Thema Künstliche Intelligenz bleibt die Expertin gelassen. Im schriftlichen Bereich verändere KI vieles, doch beim gesprochenen Wort im hochpolitischen Umfeld stosse sie an klare Grenzen: «KI kennt keine Emotionen, versteht keine Zwischentöne und kann den politischen Hintergrund nicht einordnen. Wenn ich im EU-Parlament sitze, weiss ich genau, zu welcher Fraktion ein Redner gehört und wie seine Worte gemeint sind. Die KI versteht diese Nuancen nicht.» Sobald Emotionen, Kultur und ­Tonalität ins Spiel kämen, sei der Mensch unersetzbar, so Raffaela Vanini. «Ein fehlerhaftes KI-Protokoll wäre in der internationalen Politik schlicht hochgefährlich.»

Logistikwunder Familie

Ein Leben aus dem Koffer verlangt viel Organisation. Als ihre Tochter klein war, brauchte es zu Hause ein echtes Logistikwunder, da beide ­Eltern beruflich viel reisten. «Mit der Hilfe von allen hat es aber immer geklappt», betont Raffaela Vanini dankbar. «Wir hatten ein tolles ­Gefüge aus Eltern und Nachbarn. Man hat sich gegenseitig mit den Kindern ausgeholfen.» War sie von einer Reise zurück, gehörte die Zeit dann ganz der Familie. Mittlerweile ist die Tochter 20 Jahre alt und studiert an der Universität St. Gallen.

Trotz des unregelmässigen Terminkalenders ist Raffaela Vanini im Dorf fest verwurzelt. Wenn sie da ist, besucht sie gerne Konzerte und Theateraufführungen im Gemeindesaal. «Die Chilbi ist ein absolutes Muss, und auch der Weihnachtsmarkt gehört fest dazu», erzählt sie. Als Ausgleich zum kopflastigen Beruf hält sie sich im Fitness-Studio mit Bodypump und Pilates fit, geht im Sommer leidenschaftlich gerne schwimmen und fährt im Winter Ski.

Das weltweite Netz der Frauen fördern und stärken

Mit ihrer Selbstständigkeit und einer mittlerweile flüggen Tochter nutzt Raffaela Vanini die neu gewonnenen Freiräume verstärkt für ein Herzensprojekt: die Freiwilligenarbeit. Schon früh engagierte sie sich für Amnesty International, später gab sie in Zürich deutsche Konversationskurse für Flüchtlinge beim Roten Kreuz. Heute engagiert sie sich mit grosser Energie im Soroptimist Club Zürichsee, einer internationalen Organisation berufstätiger Frauen. Der Club verfolge das Ziel, Frauen durch Mentoring und gezielte Projekte weltweit zu fördern und zu stärken, so die Dolmetscherin. «Das Geld, das wir beispiels­weise am Weihnachtsmarkt einnehmen, fliesst direkt in ausgewählte Projekte. Aktuell unterstützen wir eine Schule für Hebammen in Äthiopien, die von einem unserer Mitglieder gegründet wurde.»

Für Raffaela Vanini schliesst sich hier ein Kreis: «Gemeinsam mit anderen Frauen etwas Sinnvolles und Nützliches zu bewegen, gibt mir unglaublich viel Energie.» Und wie sieht es mit dem Ruhestand aus? Die 61-Jährige winkt ab. «Ich habe mein Leben ohnehin nie durchgetaktet. Solange der Kopf mitmacht, die mentale Flexibilität da ist und die Reaktionsschnelligkeit stimmt, möchte ich gerne arbeiten, bis ich etwa 70 bin. Das Schöne an der Selbstständigkeit ist ja, dass ich selbst steuern kann, welche Aufträge ich annehme und wann ich mir längere Ferien gönne. In unserem Beruf zählt am Ende einzig und allein die Qualität.»

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