Er war erst einmal in New York

Von Dörte Welti ‒ 12. Juni 2026

«Verbringe Zeit mit Leuten, von denen du lernen kannst», lautet ein Lebensmotto, das Toni Albino von einem guten Freund erhalten hat. Wer dieser Freund ist oder vielmehr war, erzählt der passionierte Gastronom gerne.

Die Kunst des Gastgebens: Toni Albino lebt Willkommenskultur und Dienstbarkeit und verwöhnt auch die Augen seiner Gäste mit immer wechselnden Bildern an den Wänden des «Falken». (Bild: dwe)
Die Kunst des Gastgebens: Toni Albino lebt Willkommenskultur und Dienstbarkeit und verwöhnt auch die Augen seiner Gäste mit immer
wechselnden Bildern an den Wänden des «Falken». (Bild: dwe)

An sich ist Toni Albino ein diskreter Mensch. Was man ihm erzählt, bleibt bei ihm. Kein Wort über berühmte Gäste und ihre kulinarischen Vorlieben, geschweige denn Persönliches oder Intimes, kommt über die Lippen des gebürtigen Deutschen mit portugiesischen Wurzeln. Verschwiegenheit ist dem zweifachen Vater wichtig, nur bei einer Person macht er eine Ausnahme: Udo Jürgens († 2014). «Wir waren Freunde, echte Freunde», beteuert Toni. Er habe sehr viel Zeit mit dem international gefeierten Sänger («Ich war noch niemals in New York») verbringen dürfen, der in Zumikon ein Haus besass.

Lehr- und Reisejahre

Bis aber Künstler, Stars und Lokalprominenz die gastgeberischen Qualitäten von Toni Albino überhaupt in Erwägung zogen, brauchte es jahrelange harte Aufbauarbeit. Er kam im deutschen Singen zur Welt. Als er fertig war mit der obligatorischen Schule, gingen die Eltern zurück nach Portugal und der Junge in die Lehre zur Servicefachkraft und Koch. Er fühlte, dass Gastronom zu sein seine Berufung war, konnte die Hotelfachschule Bel­voirpark in Zürich absolvieren und schloss diese mit überdurchschnittlich guten Noten ab. Dafür gab es einen Preis: ein Stipendium an der Cornell ­University in New York State. Nach einem halbjährigen Hotel-Management-Studium kehrte Toni Albino mit einem satten Erfahrungspaket zurück, Europa gefalle ihm besser, sagt der heute 56-Jährige.

Gute Beziehungen

Mit seinem Lehrmeister hatte der Heimkehrer Kontakt gehalten, und als der hörte, dass sein Schützling wieder da ist, bot er ihm eine Stelle an: «Er hatte ein Restaurant vom Zumiker Paul Zbinden gepachtet, das ‹Rössli› in Lindau ZH. Und er fragte mich, ob ich Zeit hätte, zu helfen.» Der frisch gebackene Manager mit Gastroausbildung hatte. Das Jobangebot markierte den Anfang einer wunderbaren Aneinanderreihung von Gelegenheiten, die er jeweils sah und nutzte. Besagter Paul Zbinden suchte wenig später für sein Restaurant Triangel, das er in Zumikon 1990 eröffnet hatte, ­einen Mitarbeiter. «Ich habe es mir angeschaut und zugesagt», erinnert sich Toni Albino, «und mir insgeheim gesagt, ich bleibe maximal einen Monat». Als er aber registrierte, welches Klientel ihm da quasi Mise en Place serviert wurde, witterte er eine Chance. Aus dem einen Monat wurden 20 Jahre. Er hatte 1996 als Servicemitarbeiter begonnen, wurde nach einigen Jahren Geschäftsführer und konnte 2004 den Betrieb übernehmen. Er sorgte auch dafür, dass der gute Ruf weit über die Grenzen Zumikons hinausgetragen wurde. Vor allem ein Gericht machte Furore: hausgemachte Ravioli.

Portugiesischer Wein

Diesen Genusstempel in Zumikon frequentierte auch Udo Jürgens. Die beiden Männer wurden Freunde, von ihm hat er sein Lebensmotto «Verbringe Zeit mit Leuten, von denen du lernen kannst». «Udo ­hatte ein Haus in Portugal und brachte mir Weine mit aus dem Land, aus dem zwar meine Vorfahren stammen, das ich aber nur von ein paar Ferienaufenthalten kannte», rekapituliert Toni Albino, der bis dahin keinen einzigen portugiesischen Wein auf der Karte hatte. Weil er aber dem Gusto des Freundes vertraute und gerne dazulernt, begann er, sich mit den Weinen auseinanderzusetzen, besuchte portugiesische Winzer und erfuhr, dass sie dort den önologischen Nachwuchs ins Ausland schickten, um ihn zu schulen und bessere Weine zu produzieren. Das imponierte ihm. In der Folge zog er ein eigenes Importgeschäft mit Wein, Portwein, Gin und Olivenöl aus dem Land seiner Vorfahren auf.

Alle sind gleich

Seit 2001 wohnt Toni Albino selbst in Zumikon, auch heute noch, obwohl er seit zehn Jahren den «Falken» in Küsnacht führt. Seinen Signature Dish Ravioli gibt es auch hier, auch hierher strömen Connaisseure aus den unterschiedlichsten Regionen. 13 Gault-Millau-­Punkte hat der Falken, aber Toni Albino gibt weder was auf Punkte noch auf den Status, den Rang oder die Berühmtheit seiner Gäste. «Ich behandle alle gleich», rühmt sich der Gastgeber. Während ­Corona liess er seine Crew nicht im Stich, sie kochten weiter, für Obdachlose in der Zürcher Langstrasse: «Ich habe beim dortigen Pfarrer nachgefragt. Wir hatten doch noch so viele essbare Waren bei uns, als von einem Tag auf den anderen die Restaurants geschlossen wurden.» Schwester Ariane ist die gute Seele, die mit ihrem Verein Incontro dafür sorgt, dass Bedürftige warme Mahlzeiten erhalten. «Ich habe nicht gewusst, dass so viele Menschen Hilfe brauchen», erinnert sich Toni Albino an die Arbeit mit der berühmten Nonne. Er mobilisierte noch Bäcker und Gemüsehändler, wurde aktiv, als viele andere in Schockstarre verfielen. «Mir war nicht langweilig», lacht der Mensch Toni Albino, der von sich sagt, dass er gerne dient. «Menschen glücklich machen, das ist mein Antrieb», beteuert er.

Ein Dorfmensch

Glücklich macht er auch Vereine im Dorf. Er unterstützt gerne, wenn irgendwer eine Tombola veranstaltet oder Sponsoren sucht, er sei ein Dorfmensch, sagt Toni Albino und breitet demonstrativ seine Arme aus. Nicht in allen Gastrobetrieben an der Goldküste läuft es so rund wie bei ihm. Was ist sein Geheimnis? «Ich glaube, es ist vor allem die Disziplin, immer dranzubleiben, und gute Mitarbeiter, alleine schafft man es nicht», sinniert er. Gastgeber sein sei ein toller Beruf, vereinnahme ihn aber auch so sehr, dass er fast keine Zeit für irgendetwas anderes in seinem Leben hat. Das muss man wollen. Sport mache er ein bisschen, und das auch nur während der Zimmerstunde. Seine Kinder haben allerdings einen Platz ganz weit oben auf der Prioritätenliste des Umtriebigen, die Tochter und der Sohn haben ihre Lehre beim Vater in Küsnacht ­absolviert. Sein Sohn sei jetzt zu einem Sprachaufenthalt in Portugal, berichtet Toni Albino stolz, er selber beherrsche die Sprache seiner Eltern nur dank einer portugiesischen – und bei den Gästen sehr beliebten, wie Toni betont – Mitarbeiterin Ana, mit der er seit 26 Jahren zusammenarbeitet. Sie spricht konsequent ihre Muttersprache mit ihm, er lerne aber immer noch dazu.

Fokus Weiterbildung

Toni Albino stoppt seinen Redefluss, denkt eine Weile nach und formuliert dann einen Grundgedanken: «Weisst du, was mich am meisten freut? Ich lege grossen Wert auf Weiterbildung, und ich bin mächtig stolz, wenn ich höre, dass jemand, der oder die bei mir gelernt hat, sich selbstständig macht.» Man müsse den Jungen dieses Gewerbe schmackhaft machen, denn einen bitteren Beigeschmack hat es: Das soziale Leben leidet enorm, man steht in der ­Küche oder bedient Gäste, wenn andere feiern, verreisen oder Festtage sind. Das müsse man wirklich wollen, aus tiefstem Herzen und mit klarem Kopf. Toni Albino will und wollte. Schon immer.

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