Sieben auf einen Streich

Von Joachim Lienert ‒ 19. Juni 2026

Bemerkenswerte sieben Geschäfte verabschiedete die Gemeindeversammlung vom Mittwoch. Ebenfalls bemerkenswert: Am ganzen Abend zählte man nur sechs Gegen­stimmen. Es gab zwar keinen neuen König, aber statt eines royalen immerhin ein kommunales Insigne.

Strahlen – und ein Hauch Wehmut: der neue Gemeindepräsident Patrick Dümmler und der scheidende, Sascha Ullmann (stehend, v. l.). (Bild: lmo)
Strahlen – und ein Hauch Wehmut: der neue Gemeindepräsident Patrick Dümmler und der scheidende, Sascha Ullmann (stehend, v. l.). (Bild: lmo)

Gemeindeversammlungen sind eine trockene Angelegenheit, vorsorglich wird deshalb gerne schon zu Beginn beiläufig erwähnt, man dürfe sich auf den Zolliker Cuvée freuen, den die Gemeinde im Anschluss serviere. Doch zuerst wurden die sieben Geschäfte serviert, das eine klang trockener (demi-sec) als das andere, weshalb wir sie in einen separaten Kasten verstauen und gleich zum siebten Geschäft springen: die «Einzelinitiative Sibylle Lehner, Kinder und Jugendförderung im Sportbereich». Gemeindepräsident Sascha Ullmann stellte sie vor: «Der Gemeinderat erachtet das Anliegen als sinnvoll und notwendig.» Heute erhielten Sportvereine sehr unterschiedliche Unterstützung. Bei einer Annahme der Einzelinitiative würde der Gemeinderat eine Vorlage für die Reglementierung der Unterstützung erarbeiten, über die dann das Stimmvolk befinden kann.

Auch Sibylle Lehner nahm Stellung. Klare Grundlagen fehlten, welche Vereine von der Gemeinde unterstützt würden. «Die einen bekommen Gelder, die anderen Naturalien und Dritte bekommen gar nichts.» Ihre Initiative möchte für die Kinder- und Jugendförderung im Sportbereich einheitliche Strukturen schaffen und die Unterstützung der Vereine erhöhen.

Die Definition der Einheitlichkeit

Die Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission RGPK empfahl dieses Geschäft als einziges zur Ablehnung. Ihr scheidender Präsident Viktor Sauter nutzte die Gelegenheit für einige Worte: «Was für eine Dramaturgie. Bei meinem letzten Geschäft muss ich Ihnen eine Ablehnung empfehlen.» Er habe zum Thema «einheitlich» recherchiert, was das bedeute, zum Beispiel «ohne grosse Unterschiede», «in der Art gleich», «gleiche Kleidung für alle» und mehr. Er frage sich, wie man das denn einheitlich regeln wolle, etwa für den SC Zollikon mit praktisch einer Alleinnutzung der Sportanlage Riet, oder wie solle man die Benutzung von Land für Tennisplätze durch die Tennisvereine bewerten? Dann der Schlusspunkt: «Danke vielmals für die 16 Jahre, in denen Sie mich begleitet haben in meiner Rolle. Dem einen oder anderen bin ich auf den Geist gegangen. Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge.» Applaus für den letzten Auftritt. Es folgten angeregte Voten. Der junge Zolliker Laurent Casagrande trat ans Mikrofon: «Ich würde die sehr pedantische Auslegung von «einheitlich» hinterfragen.» Er habe das Reglement von Zumikon studiert, das kenne einheitliche Kriterien für die Vergabe von Beiträgen an Vereine. «Es handelt sich um Rahmenbedingungen. Wenn es Zumikon schafft, wieso müssen wir uns auf irgendein Online-Wörterbuch beschränken?» Der Saal johlte und klatschte. Das Geschäft wurde einstimmig, 115 Stimmberechtigte sind im Saal – kurzer Blick von Sascha Ullmann in die Runde –, nein, «grossmehrheitlich» angenommen: Sechs Vertreter der RGPK stimmten dagegen.

Abschied

Schon um 20.55 Uhr konnte der Gemeindepräsident die letzte Gemeindeversammlung der Legislatur formal für geschlossen erklären. «Es ist auch meine letzte. Ich will es nicht verpassen, Ihnen allen herzlich zu danken. Es war für mich immer eine grosse Ehre, Sie als Vorsitzender durch die Gemeindeversammlungen zu führen.» Er selbst verabschiedete Claudia Irniger als Schulpräsidentin. Gemeinsam hätten sie in den letzten vier Jahren den Willen gezeigt, die Schulorganisation und die Gemeindeverwaltung näher zusammenzuführen, sodass man heute wirklich als Einheitsgemeinde zusammenarbeite. Auch ­Dominik Letsch, Arno Hold, André ­Wohlgemuth und Viktor Sauter von der RGPK wurden verabschiedet.

Sascha Ullmann richtete sich an seinen Nachfolger Patrick ­Dümmler: «Es ist eine Art Stabsübergabe. Ich habe keine Krone und auch kein Zepter, das ich weitergeben kann, aber ich gebe dir einen Pin, den gibt es nur einmal.» Ganz viele hätten ihn schon danach gefragt, aber er sei einmalig, gefunden hatte er den Pin mit dem Zolliker Wappen einst auf einem Flohmarkt. «Das ist der Pin des Gemeindepräsidenten.» Eine Umarmung musste her, bevor Sicherheitsvorsteher André Müller eine mit Humor gespickte Rückschau auf das Wirken von Sascha Ullmann hielt. «Er ist auch ein begnadeter Höhlenforscher, die Akten für den Gemeinderat hat er jeweils in einer Höhle studiert, natürlich mit Stirnlampe. Wir wünschen dir alles Gute auf deinem weiteren Weg. Danke für deinen Einsatz während 30 Jahren.» Der Saal klatschte lange.

Patrick Dümmler freut sich auf sein Amt – dekoriert mit dem Pin, den es nur einmal gibt. (Bild: jli)
Patrick Dümmler freut sich auf sein Amt – dekoriert mit dem Pin, den es nur einmal gibt. (Bild: jli)

Parteien im Gespräch

Die Stimmung am Apéro: heiter, die Cuvée-Korken knallen. Doch Marc Raggenbass, der neue RGPK-Präsident, mahnte im Gespräch: «Die Zolliker Parteien müssen aktiver werden. Sie sind die DNA einer lebendigen Demokratie. Die Kantonsverfassung definiert sie als wesentliche Träger dieser Demokratie.» Die Parteien seien etwas eingeschlafen. «Das hat auch damit zu tun, dass Zollikon sich alles leisten kann.» Viele dächten, man müsse gar nicht mehr so genau hinschauen, «alles ist finanzierbar, das süsse Gift guter Finanzen ist verlockend.» Frage an Sibylle Lehner – die Frau mit der Einzelinitiative –, wie sie das mit dem Engagement in der Partei sieht: «Die Initiative habe ich als Bürgerin eingereicht, das muss so sein bei einer Einzelinitiative. Das hatte nichts mit der SVP zu tun.» Doch genau dort ist sie Vorstandsmitglied, und auch schon hörte man munkeln, sie werde die nächste Parteipräsidentin. Sie widerspricht vehement halb, man weiss ja nie, wer alles mitlesen wird. «Der Vorstand wird erst noch zusammenkommen. Dann wird er der Mitgliederversammlung einen Vorschlag für das Präsidium unterbreiten.» Wer das sein wird? «Klar ist, dass Bernhard Ecklin von Anfang an gesagt hat, dass er Präsident ad interim ist.» Definitiv Präsident wird Patrick Dümmler – gleich von der ganzen Gemeinde. Er sagte zu seinem neuen Amt samt ans Revers geheftetem Talisman: «Der Pin bedeutet mir viel. Das war eine sehr schöne Geste von Sascha.» Dieser wiederum, Mitglied der GLP, war sichtlich bewegt: «Es ist emotional ein grosser Abschied für mich. Ich habe die Tätigkeit als Gemeindepräsident mit Leidenschaft ausgeübt. Bei Gemeindeversammlungen setzte ich mich immer früh hin und blickte in den Saal. Ich muss die Leute spüren; hier ging es nicht um Arbeit, es ging um die Menschen. Ich werde das vermissen.»

Sechs von sieben Geschäften

Erstens: Jahresrechnung und Geschäftsbericht 2025 der Gemeinde Zollikon. Mit einem Aufwandüberschuss von 3,65 Millionen Franken schloss die Gemeinde bei einem Gesamtertrag von 207,36 Millionen Franken und einem Aufwand von 211,01 Millionen Franken ab. Grösster Kostenblock ist der Finanzausgleich, an den Zollikon 75,5 Millionen abliefert. Das Nettovermögen der Gemeinde liegt bei 95 Millionen Franken. Ziel ist es, dieses in den nächsten Jahren kontrolliert abzubauen. Finanzvorsteherin Sylvie Sieger sagte, das werde die Kunst sein, den Abbau rechtzeitig zu stoppen, wenn das Vermögen ins Zielband von rund null bis 40 Millionen Franken gelangt. Das Geschäft wurde einstimmig angenommen.

Zweitens: Die Jahresrechnung und Geschäftsbericht 2025 der Netzanstalt Zollikon. Liegenschaftenvorsteher und Verwaltungsratspräsident Patrick Dümmler stellte das Geschäft vor. Mit Bruttoinvestitionen von rund 4,5 Millionen Franken lag der Abschluss leicht über Budget. Der Hauptgrund liegt bei höheren Ausgaben für die Installation von Smart Metern, wie sie gesetzlich vorgeschrieben sind. Erfreulich: Die Strompreise konnten bereits im letzten Jahr gesenkt und 2026 nochmals um elf Prozent reduziert werden. Das Geschäft wurde einstimmig angenommen.

Drittens: Ortskernentwicklung Zollikerberg: Kredit für die nächste Planungsphase. Bei diesem Geschäft rekapitulierte Patrick Dümmler den partizipativen Prozess mit der Bevölkerung, bei dem es darum ging, wie sich die Areale Geren und Roswies entwickeln sollen. Man hatte die Inputs der Bevölkerung eingeholt, jetzt beantragte der Gemeinderat einen Kredit von 600 000 Franken für eine vertiefte Machbarkeitsstudie und einen Architekturwettbewerb zur Entwicklung des Ortskerns. Einsprachen immer vorbehalten, präsentierte Patrick Dümmler einen Zeitplan mit einem möglichen Baubeginn 2029 und einer Fertigstellung ab etwa 2032. Das Geschäft wurde einstimmig angenommen.

Viertens: Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain: Kredit für eine Notstromversorgung. Patrick Dümmler erläuterte: Im Gegensatz zu einem Spital gehe es nicht um lebensbedrohliche Dinge. Aber das WPZ brauche eine Notstromversorgung, um Ausfälle etwa bei medizinischen Geräten, Notrufsystemen, Heiz- und Kühlsystemen oder dem digitalen Zugang zu Medikamentenplänen aufzufangen. 650 000 Franken beantragte der Gemeinderat für ein Dieselaggregat ausserhalb des Gebäudes. Das Geschäft wurde einstimmig angenommen.

Fünftens: Abschluss neue Leistungsvereinbarung mit Spitex-Verein Zollikon. Das Geschäft stellte Sandra Fischer, Ressortvorsteherin Gesellschaft, vor. Seit 1994 ist die Spitex Zollikon mit der ambulanten Pflegeversorgung in der Gemeinde beauftragt, jährlich betreut sie 350 Klientinnen und Klienten. Man wolle die gute Zusammenarbeit weiterführen und die bisherige Leistungsvereinbarung von 2009 anpassen, die den Umgang mit Überschüssen, neu mit einer Ergebnisschwankungsreserve und verbindlichen Prozessen für die Budgetgenehmigung und ein sogenanntes Übernormdefizit festlegt. Das Geschäft wurde einstimmig angenommen.

Sechstens: Bewilligung jährlich wiederkehrender Rahmenkredit für offene und aufsuchende Jugendarbeit und das Anmieten von Räumlichkeiten. Während 30 Jahren bestand die Jugendarbeit der Gemeinde darin, dass man sich einfach im Jugi traf, erläuterte Sandra Fischer. Seit 2015 führt die Gemeinde eine Leistungsvereinbarung mit MOJUGA, der Stiftung für Kinder- und Jugendförderung. Diese betrieb zunächst das Jugi. Während der Pandemie trafen sich die Jugendlichen vermehrt im öffentlichen Raum, weshalb die MOJUGA seit 2022 auch dort präsent ist. Der Gemeinderat beantragte einen Rahmenkredit von jährlich 290 000 Franken, aufgeteilt in zwei Objektkredite für Dienstleistungen Dritter in der Jugendarbeit und für die Miete von Räumlichkeiten für die Jugendarbeit. Andere Gemeinden im Bezirk gäben deutlich mehr Geld für die ausserschulische Begleitung ihrer Jugendlichen aus. «Mit knapp 200 Franken pro Jugendlichem sind wir an letzter Stelle.» Erlenbach gibt zum Beispiel 355 Franken aus, Zumikon 321. Das Geschäft wurde einstimmig angenommen.

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