Kein Raum der Fehlerfreien

Von Joachim Lienert ‒ 3. Juli 2026

Vergangenen Sonntag feierte die Reformierte Kirche Zolli­kon-Zumikon einen reich mit Ereignissen gefüllten Gottesdienst: Mitglieder der Kirchenpflege wurden verabschiedet, neue begrüsst, das Präsidium übergeben, der neue Sozial­diakon eingesetzt – und ein 30-jähriges Dienstjubiläum gefeiert, Geburtstag inklusive.

«Es war eine Überraschung – und gar nicht so einfach, mal der zu sein, der empfängt»: Pfarrer Simon Gebs sitzt (Bildmitte), die Kirchgemeinde ehrt ihn stehend mit einem Geburtstagsständchen. (Bild: jli)
«Es war eine Überraschung – und gar nicht so einfach, mal der zu sein, der empfängt»: Pfarrer Simon Gebs sitzt (Bildmitte), die Kirchgemeinde ehrt ihn stehend mit einem Geburtstagsständchen. (Bild: jli)

«Die Kirche ist nicht eine Herberge für Fehlerfreie, sondern ein Spital für Sünder.» Mit diesen Worten des Kirchenvaters Augustinus begrüsste Pfarrer Simon Gebs die Kirchgängerinnen und Kirchgänger in der reformierten Kirche von Zollikon. «Vielleicht wäre es passender gewesen, Sie mit Liebe Schwitzende und Dürstende zu begrüssen», wandte er sich zur grossen Gemeinde von rund 130 Menschen, die an diesem heissen Vormittag zusammengekommen war. Die vier Pfarrerinnen und Pfarrer waren ebenso anwesend wie die Vertreterinnen und Vertreter der Kirchenpflege, abtretende und neue. Pfarrer Martin Günthardt begleitete die Feier musikalisch am Klavier mit stimmungsvollen Pop-, Soul- und Gospelstücken, zusammen mit Jasmine Vollmer an der Harfe, Ralph Zoebeli am Bass und der Sängerin Janet Dawkins. Die Pfarrerinnen Diana Päpcke und Adelheid Jewanski führten durch Liturgie und Gebet. «Was wird uns die Zukunft bringen? Wird unsere Kraft reichen? Wir sind im Fluss des Lebens vor dir. Hilf uns, loslassen zu können und zu vertrauen», bat Adelheid Jewanski um den Segen Gottes.

Korinth: Vor 2000 Jahren wie Zürich heute

Diana Päpcke las aus dem 2. Korintherbrief. Pfarrer Simon Gebs griff ihn in seiner Predigt auf und verdeutlichte, dass das frühe Christentum in Korinth vor fast 2000 Jahren grosse Ähnlichkeiten mit der heutigen «Greater Zurich Area» aufgewiesen habe. Es sei ein Schmelztiegel von Reichen und Armen, Juden und Römern, Prostituierten, Handwerkern, Tagelöhnern und den Vertretern der politischen und wirtschaftlichen Elite gewesen. «Und dann waren sie alle zusammen plötzlich Kirche.» Das habe zu Spannungen geführt, aber: «Die Kirche ist nicht der Raum der Fehlerfreien oder der moralisch Überlegenen.» Vielmehr seien die Gläubigen die lebendige Empfehlung für den Glauben. Simon Gebs, der sein 30. Dienstjubiläum feierte, schlug den Bogen zum Heute. Nie hätte er gedacht, Pfarrer zu werden. «Was ich in den obligatorischen Jugendgottesdiensten erlebt habe, hat mich abgetörnt. Entweder flog ich raus, wurde in die erste Reihe versetzt oder habe vom Aufpasser einen Schlag auf den Tötz mit einem Kirchengesangsbuch gekriegt.» Bis ihn ein Jugenddiakon zur Seite nahm. «Da wunderte ich mich. Als ich in einer heftigen Krise steckte, schenkte er mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit, hörte zu, wertete nicht.» Auch heute, egal, wo die Mitglieder der Kirche tätig seien, ob im Sekretariat, in der Kirchenpflege, als Freiwillige, im Café am Puls, «wollen wir nicht werten, sondern wollen wir da sein für andere».

O happy Day

Einer, der für andere da ist, ist der neue Sozialdiakon Peter Lissa. Seit einem Jahr arbeitet er für die Kirche, jetzt tritt er sein Amt offiziell an. «Wir sind dankbar, dass er in unserem Team ist, und schätzen seine Arbeit sehr», stellte Sozialdiakonin Jennifer Rota ihn vor. Simon Gebs segnete ihn, Peter Lissa nahm sein neues Amt an: «Ich danke euch, dass ihr mich hier in Zollikon und Zumikon so herzlich aufgenommen habt. Es ist bewegend für mich.»

Vier Kirchenpflegerinnen und -pfleger wurden verabschiedet. An ihrer Spitze Hanni Rüegg, seit 16 Jahren Mitglied der Kirchenpflege, 12 davon als Präsidentin. «Was du geleistet hast in diesen 16 Jahren, kann nur fragmentarisch zusammengefasst werden», würdigte Simon Gebs ihre Entschlossenheit, ihre Führung, ihre Gewissenhaftigkeit und die Bereitschaft, Neues zu denken und zu wagen. «Hanni Rüegg ist die richtige Kirchenpflegepräsidentin gewesen.» Zur Umarmung brandete spontaner Applaus auf. Vier neue Kirchenpflegerinnen und -pfleger wurden eingesetzt. Schliesslich verkündete Adelheid Jewanski, Simon Gebs feiere am heutigen Tag auch seinen 61. Geburtstag. «Du musst sitzen bleiben», wies sie ihren Kollegen an. Die Gemeinde aber stand auf, stimmte ein Geburtstagslied an, das nur wenige kannten – Nummer 734 des Kirchengesangbuchs: «Dass Erde und Himmel dir blühen, dass Freude sei grösser als Mühen, dass Zeit auch für Wunder dir bleib und Frieden für Seele und Leib.» Zum Abschluss der Feier erschallte ein «O happy Day» mit der Kirchenband und rhythmischem Klatschen der Gemeinde, wie man es sonst aus Gospelkirchen kennt.

«Es ist eine grosse Aufgabe»

Hanni Rüegg sagte beim Apéro: «Ich weiss, dass ich mein Amt in gute Hände übergebe. Ich werde die Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, vermissen, es sind viele schöne Freundschaften entstanden.» Der neuen Kirchenpflegepräsidentin Bettina Waldvogel übergab sie kleine Geschenke, dargereicht von ihren Enkelinnen, die symbolisch für ihr neues Amt standen. Zum Beispiel eine Toblerone. «Die steht für Berge, aber nicht nur für einen. Die kannst du mit deinem Team teilen.» Oder die sauren Würmchen: «Zuerst schmecken sie sauer, aber danach kommt das Süsse zum Vorschein.» Oder eine Schere: «Manchmal braucht es Mut, als Präsidentin die Schere in die Hand zu nehmen, um auch einmal etwas Unangenehmes zu entscheiden.» Bettina Waldvogel sagte: «Es ist eine grosse Aufgabe, ich freue mich darauf. Meine Rolle sehe ich darin, den Menschen zuzuhören, herauszufinden, was die Mitarbeitenden brauchen, keine vorgefertigten Meinungen zu liefern, sondern Dinge zu ermöglichen. Unabhängig davon, ob sie in einem Team arbeiten oder einfache Mitglieder der Kirchgemeinde sind: Unsere Kirche braucht motivierte und engagierte Menschen.»

Als quasi letzte Amtshandlung überreichte Hanni Rüegg Simon Gebs einen süssen und einen scharfen Sirup, verbunden mit dem Wunsch: «Ich hoffe, dass aus den 30 Jahren noch 35 werden.» Der Angesprochene sagte zum Zolliker Zumiker Boten: «30 Jahre hier zu sein, diese Zusammenarbeit mit der Kirchenpflege, dem Pfarrteam und der Gemeinde – es stimmte immer. Dafür bin ich sehr dankbar.» Ein Kirchgänger fasste die Feier zusammen: «Wir sind wie eine Familie. Wir gehören zusammen. Es war sehr wertschätzend, wie alle Abtretenden und Neuen geehrt wurden.»

Werbung

Neuste Artikel

ANMELDEN

Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.