Von Martina Gradmann ‒ 3. Juli 2026

Es brauchte ein bisschen Überzeugungsarbeit, damit sich Amalia Amstutz für ein «Persönlich» zur Verfügung stellte. Die sympathische Zumikerin steht nicht gerne im Mittelpunkt, und lieber als über sich selbst spricht sie über ihre Arbeit als Kinderärztin. Amalia Amstutz, von den meisten Amy genannt, arbeitet als niedergelassene Kinderärztin in einer Praxis mit vier weiteren Kinderärztinnen in Stettbach. In einem kleineren Pensum ist sie als Kinderärztin im Bereich Kinder- und Jugendgynäkologie am Kinderspital Zürich tätig. «Ich habe einen grossen Teil meiner Ausbildung am Kinderspital gemacht und wollte auch weiterhin dort arbeiten. Weil mich die frauenärztliche Tätigkeit schon immer interessiert hat, arbeite ich dort in diesem Bereich», erklärt Amy Amstutz und fügt gleich bescheiden hinzu, es sei keine grosse, aber ihrer Meinung nach eine wichtige Aufgabe.
Sie ist überzeugt, dass man heute vor allem bei Mädchen und Frauen genauer hinschaue, während viele früher nicht einmal die richtigen Bezeichnungen für die weiblichen Geschlechtsteile gekannt hätten. «Es hat mich schon erstaunt, als einmal eine Mutter für die Geschlechtsteile ihrer Mädchen den gleichen Begriff verwendete wie für die ihrer Buben.» Heute spreche man zum Glück offener etwa über Rötungen und Juckreiz, die schon bei ganz kleinen Mädchen auftreten können. Auch starke Menstruationsbeschwerden habe man früher oft nicht thematisiert und diese einfach als normal hingenommen. Heute wisse man aber, dass diese nicht die Norm sein sollten, sondern physiologische Gründe haben können. «Es darf nicht sein, dass Mädchen oder Frauen während ihrer Tage keinen normalen Tagesablauf leben können, nicht am Sportunterricht teilnehmen oder nicht schwimmen gehen können.» Heute würden solche Probleme sowohl bei den Kleinsten als auch bei älteren Frauen und während der Menopause benannt. Gesundheitsdaten seien lange Zeit häufig auf der Grundlage von Männern erhoben worden, weil diese «hormonstabiler» seien. Auch dies sei zum Glück im Wandel.
Neben ihrem Pensum im Kinderspital arbeitet Amalia Amstutz mit ihren Kolleginnen in der Kinderarztpraxis, wo sie unter anderem Impfungen vornimmt und alle weiteren nötigen Behandlungen durchführt. «Was früher ebenfalls oft unterschätzt wurde: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie sind noch im Wachstum, und das erfordert eine andere Behandlung», weiss die Ärztin. Seit Corona spüre sie eine grössere Unsicherheit bei den Eltern ihrer Patientinnen und Patienten. Man wolle möglichst schnell eine Diagnose und eine entsprechende Behandlung. Und noch etwas Neues sei dazugekommen: «Heute fragt man ChatGPT, und die KI gibt Antworten. Für manche ersetzt sie zunehmend den Arzt oder die Ärztin.» Die KI mache teilweise ganz vernünftige Diagnosen und Therapievorschläge. Damit kämen dann Eltern in die Praxis und erwarteten von den Ärztinnen und Ärzten lediglich eine Bestätigung. «Die KI weiss viel und hat jede wissenschaftliche Publikation weltweit gelesen. Natürlich verwenden auch wir Ärzte KI, allerdings mit einem anderen Hintergrund und einer anderen Interpretation. Ich kann mir gut vorstellen, dass KI in Zukunft in gewissen Fachgebieten die Diagnostik ersetzen wird, aber das Menschliche kann KI nicht ersetzen. Gerade in der Kindermedizin wird oft unterschätzt, dass ein Grossteil einer Konsultation für den Beziehungsaufbau mit dem Kind verwendet wird.»
Amy Amstutz ist selbst Mutter eines siebenjährigen Sohnes. Das helfe ihr bei ihrer Arbeit sicher, sei letztlich aber nicht ausschlaggebend dafür, welche Patientengruppen zu einem passten. Sie habe sich nicht von Anfang an bewusst für die Kindermedizin entschieden, sondern vor allem ein Interesse am Leben und den Menschen gespürt. «Ich fragte mich, welches Studium ich damit verbinden könnte, und entschied mich nach dem Gymnasium für ein Biologiestudium.» Die Zumikerin arbeitete nach Studienabschluss in einer grossen Pharmafirma, bis die Krebserkrankung einer nahstehenden Person sie zu neuen Überlegungen führte. «Ich stellte Fragen und wollte mehr wissen, teilweise aus Unwissen, aber auch aus Ärger. Und so machte ich den Numerus Clausus, bestand diesen, was ich als Zeichen wertete, und begann mein Medizinstudium mit 28 Jahren.»
Aufgewachsen ist Amy Amstutz auf der Forch und in Zumikon, in der Stadt hat sie dann das Wirtschaftsgymnasium absolviert. Mit Jahrgang 1980 habe sie die wildesten Zeiten der Stadtgeschichte wohl verpasst, sie habe aber immer gerne in Zürich gelebt. «Viele kennen das nicht, aber die Stadt Zürich hat viele grüne Oasen, und wir lebten in einem sehr angenehmen Quartier.» Mit der Einschulung ihres Sohnes war der jungen Mutter und ihrem Partner aber klar, dass der Sohn in einer ländlicheren Umgebung aufwachsen soll, so wie seine Eltern das auch erlebt hatten. «Wir spielten damals viel draussen, die Schule, der Wald und auch die Badi waren nah, ein Paradies für Kinder», erinnert sie sich.
Ein Pluspunkt des Umzugs war auch die Nähe zu den Grosseltern und anderen nahen Verwandten. Es brauche eigentlich noch immer ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen, lacht die 46-jährige. Hier wisse sie, dass ihr Sohn bei einem Notfall nie vor verschlossenen Türen stehe. Wenn Amy Amstutz nicht arbeitet oder sich zuhause um ihre Familie kümmert, bildet sie sich gerne weiter. «Ich interessiere mich für alles Neue und lasse mich von Menschen inspirieren, die etwas umsetzen. Viele Probleme würden leichter gelöst, wenn man mutig fragen würde, statt sich hinterher darüber zu beklagen, dass etwas nicht eingetroffen ist.» Vor allem Frauen sollten mutiger sein, nachfragen und sich einmischen, glaubt sie.
Amy Amstutz wählt ihre Worte immer mit Bedacht, antwortet überlegt und kann gut zuhören. Sie schätzt Kunst und Kreativität und damit auch das diesbezügliche Angebot in Zumikon. «Das Freizeitzentrum finde ich eine grosse Bereicherung für das Dorf. Schade finde ich eigentlich nur, dass Zumikon bald keine Restaurants mehr hat. Jetzt, während des Umbaus des Dorfzentrums, fällt auch noch das letzte weg.»
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