Zehn Jahre Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain

Von Joachim Lienert ‒ 10. Juli 2026

Vor zehn Jahren nahm das Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain (WPZ) seinen Betrieb auf. Ein Rückblick und eine Vorschau mit dem Leiter des Hauses, der seit vier Monaten im Amt ist.

Ein Begegnungsort für Generationen: Andreas Schlauch im Garten des Blumenrain. (Bild: jli)
Ein Begegnungsort für Generationen: Andreas Schlauch im Garten des Blumenrain. (Bild: jli)

Das WPZ Blumenrain hat eine lange Vorgeschichte. Jahrzehntelang gab es zwei Wohn- und Pflegezentren in der Gemeinde: das Altersheim Beugi mitten im Dorf und das Altersheim am See. Mit der Betriebsaufnahme im Blumen­rain wurden 2016 die beiden Häuser ­geschlossen. Ein komplett neuer Betrieb eröffnete mit einem neuen Gebäude, neuer Infrastruktur, eigener Demenzabteilung samt Demenzgarten, drei Pflege­abteilungen und privatem Wohnen im obersten Geschoss. Anfang März nahm Andreas Schlauch seine Tätigkeit als Gesamtleiter des WPZ auf. «Es ist ein Traumjob», beschreibt er seine neue Aufgabe prägnant. Der 59-Jährige leitete während zwölf Jahren Institutionen in der Branche, zuletzt sechseinhalb Jahre lang das Alters- und Gesundheitszentrum der Stadt Dietikon. Der studierte Betriebswirtschafter bringt auch einen Master in Gerontologie – Alterswissenschaft – und Diplome als Marketingleiter und Institutionsleiter mit. Er freute sich über das, was er antraf. «Es lief unter der Leitung von Luc Spörri sehr gut, ich durfte einen funktionierenden Betrieb übernehmen.» Luc Spörri hatte das WPZ nach dem Abgang des vorherigen Betriebs­leiters von August 2025 bis Ende ­Februar 2026 interimistisch geführt. Heute ist er Andreas Schlauchs Stellvertreter und leitet die Zentralen Dienste mit Finanzen und ICT. Er war von Anfang an im WPZ dabei, zuvor schon im Altersheim am See tätig und wollte die Gesamtleitung nie dauerhaft übernehmen.

Ein grosser Arbeitgeber

107 Bewohnerinnen und Bewohner leben in dem Haus, das die Anforderungen an heutige Bedürfnisse erfüllt. Alle Zimmer sind Einzelzimmer; für Ehepaare stehen Duplex­zimmer mit einer Verbindungstür zur Verfügung. Das Blumenrain
ist mit 142 Angestellten ein grosser Arbeitgeber, viele von ihnen arbeiten in Teilzeit. 25 junge Leute ­absolvieren hier ihre Lehre als Kaufmann, Kauffrau, Fachperson Betriebsunterhalt, Koch, Köchin oder Fachmann bzw. Fachfrau Gesundheit. «Es freut mich sehr, dass die Gemeinde Zollikon Verantwortung übernimmt und in den Nachwuchs investiert, denn die Aus­bildung ist immer mit Aufwand verbunden.» Das sei nicht selbstverständlich, manch andere Institution habe organisatorische Schwierigkeiten, etwa wegen einer hohen Fluktuation. «In meiner Wahrnehmung trägt unter anderem ein Stammteam von Mitarbeitenden, das schon lange dabei ist, das Blumenrain. Die Fluktuation bei den Jungen wiederum ist normal.»

Er benennt auch aktuelle Herausforderungen. Heute wollten die meisten Menschen möglichst lange zu Hause wohnen bleiben. «Wir sind für sie da, wenn es zu Hause nicht mehr geht, sei es wegen hohem Pflege­bedarf, psychosozialer Gründe, Vereinsamung, einer demenziellen Entwicklung oder Depressivität. Da hat die Spitex Grenzen.» Für Personen, die zu Hause leben, hat Zollikon seit Jahren eine Fachstelle Alter und Gesundheit. Diese berät bei Bedarf auch die Bewohnenden im Blumenrain. Sie unterstützt sie vor allem in Bezug auf finanzielle Fragen, die im Zusammenhang mit einem Eintritt stehen. «Finanzielle Themen sind komplex. Mit einer empathischen Beratung können wir viele Ängste und Druck wegnehmen.»

Das Sterben gehört zum Leben

Andreas Schlauch wirft einen Blick in die Zukunft. «Es ist politisch ­gewollt und das Bedürfnis der ­Menschen, dass sie den Einzug in ein Pflegeheim hinauszögern. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in einem Pflegeheim nimmt dadurch ab – heute liegt sie ungefähr bei eineinhalb Jahren.» Ein differenzierter Markt mit privaten und öffentlichen Anbietern entstand, die neue Angebote wie Wohnen mit Service oder Wohnen mit Betreuung abdecken. «Was es aber – zum Glück – nicht mehr gibt, ist das klassische Altersheim.» Er möchte die veränderten Bedürfnisse integrieren und erläutert dies am Beispiel Mahlzeiten. «Im Betriebskonzept von 2016 stand, dass die Mehrheit aller 107 Bewohnenden unten im Speisesaal isst. Heute essen noch um die 38 dort, die anderen in Lounges auf den Pflegeabteilungen. Was bedeutet das für unsere Arbeit und die Küche?» Mit solchen Fragen setzt sich das Blumenrain auseinander. Auch die Bevölkerung stellt verständlicherweise Ansprüche. Vielen gefällt das Blumenrain, sie möchten, dass es für alle da ist. Dabei dürfe nicht ausgeblendet werden: «Meistens liegt bei uns jemand im Sterben. Auch dafür wollen wir den Raum halten.» Das bedeute ­keineswegs, dass man keine Feste mehr feiern dürfe. Doch das Blumenrain führt zum Beispiel nicht mehr jeden Donnerstag einen grossen öffentlichen Grillmittag durch, sondern hat das Angebot etwas reduziert. «Wir wollen unsere Ressourcen in erster Linie für unsere Bewohnenden einsetzen. Natürlich bleiben wir auch ein Begegnungsort für Generationen und freuen uns zusammen mit unseren Bewohnenden über Besuch. Es gilt, die Balance zu finden.» Der schöne ­Garten trage zum Wohlbefinden bei. «Für viele liegt in der Natur Sinn – noch einen Frühling im Garten erleben, das finden sie wunderschön.» Das Blumenrain steht dafür an einem idealen Ort. Die Bewohnenden geniessen die Ruhe – und gleich­zeitig gerne das Fussballspiel der Jungen auf der Sportanlage Riet gegenüber.

Angesprochen auf die Themen ­Sterben und Sterbehilfe gibt sich Andreas Schlauch differenziert. «Mit Palliative Care pflegen und ­begleiten wir Bewohnerinnen und Bewohner, gehen auf ihre Wünsche ein und lindern Schmerzen. Für uns ist die Antwort auf Leiden nicht einfach Exit; aber selbstverständlich akzeptieren wir auch diesen Wunsch.»

Das Wichtigste sind Beziehungen

Pflegebedürftige Menschen, Angehörige in Sorge um ihre Liebsten, Sprachbarrieren, die Pflege, die ärztliche Versorgung, körperliche Aktivierung, Turnen, Nostalgiechor, Gedächtnistraining, freiwillige Besuchsdienste, Coiffeursalon, Podologie, Bustransporte ins Dorf, ein öffentliches Restaurant, ein Park: Das Blumenrain ist längst zu einem Ort geworden, an dem Generationen zusammenkommen, wo gelebt und gestorben wird.
Ein Pflegezentrum dieser Grösse lässt sich nicht wie eine Familie führen. Doch etwas liegt Andreas Schlauch am Herzen: «Ein Ort zu sein, an dem sich die Bewohnenden sicher und geborgen fühlen können.» So hat im Blumenrain jede Bewohnerin und jeder Bewohner eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter als Bezugsperson. Beziehungen aufbauen: Es ist das, was im Leben Sinn und Hoffnung spendet – und genauso an dessen Ende.

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