Von Zolliker Zumiker Bote ‒ 31. Juli 2026

Die Festrede an der Zolliker Bundesfeier hält Dr. Peter Chen, emeritierter Professor der ETH Zürich. Als US-Amerikaner mit chinesischer Abstammung und Wahl-Schweizer kennt er die Schweiz von aussen und von innen.Mit 27 Jahren erlangte er seinen Doktortitel an der Yale University und wurde 1988 Assistenzprofessor an der Harvard University. 1994 folgte dann der Ruf an die ETH Zürich. «Das war für mich völlig überraschend», erinnert sich der heute 66-jährige Professor im Ruhestand. «Meine Frau meinte damals: ‹You’re not serious about leaving the US?›», sagt er und erzählt, was ihn bis heute hier gehalten hat: «Ich habe gesehen, welche Möglichkeiten und Chancen es in der Schweiz gibt – wie sonst nirgendwo.» Also reiste er in die Schweiz: zum ersten Mal überhaupt nach Europa, an ein Vorstellungsgespräch an der ETH. Er erhielt die Professur in Zürich und blieb.
«Als ‹American Born Chinese› habe ich die Integration in eine fremde Gesellschaft bereits von meiner Familie gelernt», erzählt Peter Chen über seine Anfangszeit in der Schweiz. «Ich habe gelernt, dass Integration mit der Sprache beginnt. Dann muss man die Mentalität und Gepflogenheiten einer Gesellschaft verstehen.» Er beschreibt dieses Gefühl mit dem Buchtitel «Fish can’t see water» von Kai Hammerich und Richard Lewis. «Fische, die im Wasser leben, nehmen das Wasser nicht wahr. Jemand von aussen sieht das Wasser», fasst er zusammen.
«Als Amerikaner dachte ich immer, Europäer und Amerikaner seien ähnlich», erzählt er über die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen seinem Herkunftsland und seiner Wahlheimat. «Aber die USA und Europa sind sich nicht ähnlich. Es sind andere Welten.»
Als beeindruckendstes Beispiel nennt er den Umgang mit Gewinnern und Verlierern: «In den USA gibt es eine ‹The winner takes it all›-Mentalität. Diese gibt es in der Schweiz nicht. Hier strebt niemand nach einem absoluten Sieg, sondern es wird immer ein Konsens gesucht.»
Während die USA ein Land der unendlichen zweiten Chancen seien, sei das in der Schweiz anders: «In den USA gehen die Verlierer weg und beginnen irgendwo neu. Das ist in der Schweiz nicht möglich – dafür ist das Land zu klein. Das führt zu einer ganz anderen Kultur: Man muss durch Verhandlungen auch die Minderheitsmeinung verstehen und berücksichtigen, denn die Minderheit geht nicht weg, sie bleibt.»
Es sind solche Gründe, weshalb Peter Chen findet, dass die Schweiz durchaus stolz auf ihr politisches System und ihre Gesellschaft sein darf und nicht ständig Eigenheiten oder Abläufe aus den USA übernehmen sollte.
Aktuell schreibt er noch an seiner Festrede. «Ich habe mein Leben im Hörsaal verbracht. Eine Rede zu halten, ist etwas Neues. Ich bin sehr gespannt.» Die Studierenden der ETH Zürich waren jedenfalls derart zufrieden mit seinen Vorträgen, dass sie ihm gleich zwei Mal die Goldene Eule als Auszeichnung für besonders exzellente Lehre verliehen.

Ciara van Someren wurde nach einem Infoabend über ihr Entwicklungshilfeprojekt angefragt, ob sie die 1.-August-Rede in Zumikon halten möge. Eine Herausforderung, die sich zunehmend in Vorfreude verwandelte,
die Bevölkerung auf eine Reise nach Burundi mitzunehmen.
Ciara van Someren wohnt seit bald sechs Jahren in Zumikon. Im Februar stellte sie als Co-Präsidentin der Aktion Bujumbura die Förderhilfe für eine Schule in Burundi vor. Im Publikum: Richard Lehmann, der Präsident des Verschönerungsvereins Zumikon, der traditionell die 1.-August-Feier ausrichtet. Als er die Primarlehrerin fragte, ob sie die diesjährige Rede halten möge, zögerte sie
erst einmal. «Ich fragte mich: Hat das Platz am 1. August? Wie soll ich Burundi mit der Schweiz in Verbindung bringen?» Sie begann zu suchen – nach Gemeinsamkeiten, «denn die Unterschiede liegen
auf der Hand». Jetzt ist sie bereit, die Gäste am Nationalfeiertag auf einer virtuellen Reise nach Burundi zu begleiten.
«Über die Unterschiede der beiden Länder könnte man stundenlang reden. Etwa darüber, dass das Bruttoinlandprodukt von Burundi pro Kopf und Jahr 344 Dollar beträgt – das zweitniedrigste der Welt; dass 85 Prozent aller Einwohner keinen Strom zu Hause haben; dass es zwar eine Schulpflicht gibt, aber viele Kinder sie nicht erfüllen, weil sie bei den Eltern mithelfen oder es in den Hügeln gar keine Schulen gibt.» Doch sie fand auch ein paar Gemeinsamkeiten. «Beide Länder sind klein, Burundi ist etwa halb so gross wie die Schweiz, hat aber fast doppelt so viele Einwohner. Beide Länder liegen im Herzen ihres Kontinents. Die Hügel von Burundi erinnern an das Appenzellerland, und ein Teil der Bevölkerung spricht Französisch.»
Auf ihrer virtuellen Reise werden die Feiernden in ein Klassenzimmer von Burundi geführt. Dort begegnen sie Kindern mit Prothesen, im Rollstuhl, ohne Hände – «die Auswirkungen von chronischer Mangelernährung». Aber: Diese Kinder strahlen. Ciara van Someren erzählt von einem Kind, das einen Massstab hat, ein anderes einen Radiergummi, und dass sie diese miteinander teilen, damit sie zusammen alles haben. «Das Zusammengehörigkeitsgefühl in Burundi ist gross. Es gibt keine Einzelkämpfer, man braucht alles von allen, um weiterzukommen im Leben.»
Diesen Punkt möchte sie von der Reise mitnehmen und zu einer weiteren Gemeinsamkeit anregen, die wir leben können: zur gegenseitigen Unterstützung. «Sogar im Bundeshaus steht: ‹Einer für alle, alle für einen›. Wir haben es schön in der Schweiz, können über die kleinsten Vorlagen abstimmen. Wichtig ist aber auch, dass man mal dem Nachbarn den Weg freischaufelt, sich Grüezi sagt, einen Verein unterstützt, im Kleinen das Miteinander lebt.» Ciara von Someren freut sich darauf, am 1. August das Bild ihrer Schule in Burundi mit der DNA der Schweiz zu verknüpfen.
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