Zollikon

Mehr als nur ein Konzert zu einem Film

Die Aufführung von «Panzerkreuzer Potemkin» zu Live-Musik von Dmitri Schostakowitsch verspricht ein einmaliges Erlebnis zu werden. Laut Dirigent Christof Escher eröffnet sich neben Bild und Ton eine weitere Dimension für die Zuhörer und Zuschauer.

Stummfilme haben Christof Escher schon immer fasziniert. Als Kind hat er die Filme von Charlie Chaplin geliebt, später kam die Faszination für frühe cineastische Meisterwerke wie Nosferatu oder Metropolis hinzu. Als junger Musiker hat der mittlerweile renommierte Dirigent in Zürich erstmals die Aufführung eines Stummfilms mit Live-Orchester besucht. Dieses Erlebnis, die Stimmigkeit von Bild und musikalischer Aus­sage, hat ihn gepackt. Die Vertonung stammte vom vielfach geehrten Zolliker Musiker Armin Brunner. Seither haben die beiden diverse Projekte dieser Art zusammen realisiert. «Armin Brunner hat ein unglaubliches Flair für die Wahl der Musik, die den Stimmungen und dem Charakter des Films entspricht», sagt Christof Escher, «dafür, was den Stummfilm ergänzt, was Kontraste schafft, was eine Szene besonders zur Geltung bringt oder auch mal ironisch kommentiert.» 

Nächsten Mittwoch wird Christof Escher im Gemeindesaal Zollikon sein «Sinfonia Ensemble» zum frühen Kino-Meilenstein «Panzerkreuzer Potemkin» dirigieren. Der Film von Sergej Eisenstein wurde 1925 im Bolschoi-Theater in Moskau uraufgeführt, mit einer aus Zeitnot behelfsmässig zusammengestellten Musik (u.a. von Beethoven und Tschaikowski). «Wenn man sich diesen Film anschaut», sagt Christof Escher, «kann man kaum glauben, dass er innerhalb von nur drei Monaten entstanden ist.» Der Regisseur schildert Ereignisse aus dem Revolutionsjahr 1905, als die Besatzung eines russischen Kriegsschiffs gegen ihre zaristischen Offiziere aufbegehrt. 

Filmrolle mit Speichel zusammengeklebt

Was den sowjetischen Revolutionsfilm auch heute noch zum einmaligen Kunstwerk macht, ist unter anderem Sergej Eisensteins unvergleichlicher Schnitttechnik zu verdanken, mit der er die eindrücklichen Bilder seines Kameramannes zu grösstem Ausdruck bringt. ­Sergej Eisenstein hätte gar keine Zeit gehabt, um mit seinen unzähligen Darstellern eine detaillierte Regiearbeit zu machen. Also schnitt er aus dem gefilmten Material die ihm wichtigen Bilder, Eindrücke, Situationen und Szenen aus und fügte sie zusammen. Einen Moment lang sieht man etwa ein Gesicht in Nahaufnahme, dann ein eingeblendetes Wort wie «Plötzlich!», dann eine gereckte Faust. 

Mit dieser Methode gelang es dem Regisseur, hochdramatische Zusammenhänge und Stimmungen zu erzeugen. «Bei der Fertigstellung des Films stand Sergej Eisenstein allerdings vor dem Problem, dass kaum Zeit für die Montage so vieler Schnitte blieb», weiss Christof Escher. Die Premiere rückte immer näher und kurz vor der Aufführung hätten der Regisseur und seine Helfer das Filmmaterial in der Eile nur noch mit Spucke zusammengeklebt und darauf gehofft, dass die Teile im Projektor zusammenhalten würden. Glücklicherweise hielten sie.

Schostakowitschs Symphonien als musikalische Steinbrüche

Für die Vertonung von «Panzerkreuzer Potemkin» zeichnet wiederum Armin Brunner verantwortlich. Als Grundlage dient ihm die Musik des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. «Armin Brunner benutzt Schostakowitschs Symphonien Nr. 4 und Nr. 11 und behandelt sie gleichsam als musikalische Steinbrüche, aus denen er grössere und kleinere ­Brocken herausbricht und sie mit dem Filmgeschehen vereint», sagt Christof Escher. 

Bei der Aufführung läuft der Film übrigens im Rücken der Musiker. Nur der Dirigent hat Sicht auf die Leinwand und vermittelt zwischen dem Gesehenen und seinem Orchester. Gleichzeitig hält er sich streng an die Partitur, deren Synchronisierung mit dem Filmgeschehen er sich minutiös erarbeitet hat. Christof Escher ist sich der Verantwortung und Wichtigkeit seiner Rolle bewusst: «Ob die musikalische Darbietung zusammen mit dem Film gelingt oder nicht, hängt letztendlich allein vom Dirigenten ab.»

Jemandem eine Filmaufführung mit Live-Orchester zu beschreiben, sei fast unmöglich, meint Christof Escher. «Ohne überheblich sein zu wollen: Auch Menschen, die oft ins Kino gehen oder klassische Konzerte besuchen, haben keine Ahnung, was sie hier erwartet.» Es ist nicht einfach ein Konzert mit Film, ­sondern es entsteht eine weitere Dimension für die Zuhörerinnen und Zuschauer. «Die Kombination aus lebendigen Bildern und live gespielter Musik ist ein ganz anderes Erlebnis als ein Film mit Musikkonserve aus dem Lautsprecher.» Mit anderen Worten: Wer wissen will, wovon Christof Escher spricht, muss am nächsten Mittwoch in den Gemeindesaal kommen. (chi)

Mittwoch, 30. Oktober, 20 Uhr, Gemeindesaal, Zollikon. Vorverkauf und Reservation: Apotheke Zollikon, 044 391 22 55 oder tickets.sinfonia@gmail.com. Abendkasse ab 19 Uhr, Saalöffnung um 19.30. Buffet von Azahar Tapas ab 19 Uhr.

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