Zollikon

Die vergessenen Schweizer KZ-Häftlinge

Ein neues Buch bringt Licht in ein dunkles Kapitel der Geschichte: Mindestens 719 Menschen mit Verbindung zur Schweiz wurden Opfer von nationalsozialistischem Terror. 

Wohl keinem anderen Thema hat die Geschichtswissenschaft mehr Aufmerksamkeit gewidmet als den Schrecken der NS-Herrschaft. Deren Manifestation sind die Konzentrationslager, in ­denen systematisch Millionen Menschen umgebracht wurden. Die Akribie, mit der Historiker das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte aufgearbeitet haben, könnte den Eindruck vermitteln, es sei mittlerweile erschöpfend behandelt worden.

Dass dem nicht so ist, zeigt ein neues Buch aus dem NZZ-Libro-Verlag. Geschrieben haben es die Journalisten Balz Spörri, Benno Tuchschmid sowie der gebürtige Zolliker René Staubli. Die drei Autoren bringen eine traurige Tatsache ans Licht, welche die Geschichtsschreibung weitgehend übersehen hatte: Schweizer KZ-Häftlinge. Bis auf einige Studien zu Einzelschick­salen war bislang nichts über in deutschen Konzentrationslagern inhaftierte Schweizer bekannt gewesen. Auch die Autoren geben im Vorwort zu, dass sie sich nie Gedanken über Schweizer in KZ gemacht hätten. Erst eine Gedenktafel in Buchenwald habe sie auf die Spur gebracht. Unter den Nationalitäten der Menschen, die an diesem Ort gefoltert und ermordet wurden, habe zwischen «Schweden» und «Senegalesen» das Wort «Schweizer» gestanden. 

Namensliste von Schweizer KZ-Häftlingen

Was folgte, war die jahrelange Recherche in Archiven in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Diese Arbeit förderte zutage, dass mindestens 391 Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert waren, die zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung oder davor die Schweizer Staatsbürgerschaft besessen hatten. ­Hinzu kommen mindestens 328 hierzulande geborene KZ-Häftlinge, die nie Schweizerinnen oder Schweizer gewesen waren. Sie alle sind im letzten Teil des Buches aufgelistet. Neben Namen und Geburtsjahr werden auch das jeweilige KZ sowie die Häftlingsnummer angegeben. Ebenso finden sich Datum und Ort ihrer Verhaftung sowie Stichworte zum weiteren Verlauf ihres jeweiligen Schicksals. Viele dieser Menschen sind im Konzentrationslager ums Leben gekommen, andere konnten befreit werden, einige blieben verschollen. Für die Schweiz ist eine solche Liste ein Novum. Sie soll ein Memorial sein, schreiben die Autoren, und zugleich ein Mahnmal. 

Für das Buch recherchierten Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid nicht nur in Archiven, sondern sprachen auch mit Nachfahren. Dadurch erhielten sie Zugang zu weiteren Quellen wie Briefen, Zeichnungen oder Fotos, von denen manche den Eingang ins Buch gefunden haben. So werden in einem weiteren Teil des Buches eindrücklich zehn Schicksale von ganz unterschiedlichen Personen nacherzählt, die alle Opfer des NS-Terrors wurden – darunter eine aus Frankreich deportierte Jüdin, ein Sozialdemokrat aus Zürich oder eine in Österreich wohnhafte Schweizer Bauernfamilie. Diese auf je eigene Weise tragischen Lebensgeschichten lesen sich umso eindrücklicher, als es den Autoren gelingt, sie einfühlsam und zugleich frei von Pathos zu erzählen. 

Die Schweiz spielt eine unrühmliche Rolle 

Der dritte Teil des Buches schliesslich behandelt einen bislang ebenfalls dunkel gebliebenen Teil der Geschichte: die Rolle der offiziellen Schweiz im Umgang mit ins Deutsche Reich verschleppten Staatsangehörigen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse lautet, dass die Behörden mehr hätten unternehmen können, um den in Konzentrationslagern inhaftierten Schweizern zu helfen. Als Motiv erkennen die Autoren einerseits die Furcht, den Zorn des NS-Regimes auf sich zu ziehen, andererseits aber auch schlicht mangelndes Interesse an der statistisch gesehen überschaubaren Anzahl der Opfer. 

Trotz des enormen Aufwands, die sie mit der Aufarbeitung dieses Stoffes betrieben haben, sehen die Autoren ihre Arbeit nur als einen ersten Schritt. Ihr Buch soll eine Einladung an Historiker sein, über weitere unerschlossene Quellen auf dem Gebiet zu forschen. Nicht zuletzt wollen Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid das zunehmend verblassende Andenken an die dunkle Zeit der 1930er- und -40er-Jahre aufrechterhalten. Angesichts des wachsenden Zuspruchs für Parteien am äussersten rechten Rand erinnern sie daran, dass die Ermordung von Millionen Menschen durch das NS-Regime nicht aus heiterem Himmel geschah: «Dass Menschen in KZ inhaftiert wurden und viele dort starben, hatte eine Vorgeschichte, die unseren Blick auf gegenwärtige Entwicklungen schärfen sollte. Es wäre schön, wenn unsere Arbeit dazu beitragen könnte, aus der Vergangenheit etwas zu lernen.» (chi)

«Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs» von Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid, 320 Seiten, NZZ Libro

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