Auf dem Weg zum guten Leben

Auf der Suche nach einem sinnerfüllten Leben ist Sabine Hayoz Kalff Buddhistin mit Leib und Seele geworden, allerdings ohne ihre christlichen und abendländischen Wurzeln deshalb zu verleugnen. Gemeinsam mit ihrem Mann setzt sie sich für die Integration des Buddhismus im Westen und für die Emanzipation der Frau im Buddhismus ein.

Sabine Hayoz Kalff wohnt bereits seit über 30 Jahren im ältesten Haus Zollikons. Nie hätte sie, die in Bern aufgewachsen ist und auch da studiert hat, sich vorgestellt, dass sie einst ihr Glück an einem so wohl situierten Ort finden würde. Doch ein Zufall ist es nicht, hier fand sie, was sie suchte.

Seit jeher – und noch immer – ist sie auf der Suche nach der besten Lebensform für Menschen, insbesondere für Frauen. «Welche Voraussetzungen braucht es», fragte sie sich, «damit eine Gemeinschaft für alle die besten Lebensbedingungen schaffen kann? Wie wird es möglich, dass das eigene Glück sich nicht gegen, sondern im Einklang mit den andern entfalten kann?» Diese Fragen treiben sie seit ihrer Gymnasialzeit an. Auf Beharren ihrer Mutter, der nur die beste Ausbildung für ihre Töchter gut genug war, lernte sie damals im Gymnasium Latein und Griechisch. Diese Wahl wurde für sie existentiell. Denn gerade die Griechen – Sokrates, Aristoteles, Platon – fragten sich ja auch, was denn genau ein gutes Leben ausmacht. Und ihre Antworten hätten es ihr durchaus angetan, wenn sie bloss die Frauen nicht so abgewertet oder gar aussen vor gelassen hätten.

Um der Sache vertiefter auf den Grund zu gehen, studierte sie daraufhin Urgeschichte, Ethnologie und Soziologie, war aktiv in der Studentenpolitik und der neu entstandenen Frauenbefreiungsbewegung. Zusätzlich galten ihre Interessen den neuen Wohnformen und dem einfachen Leben in der Natur. Mit zwölf gleichgesinnten jungen Frauen und Männern gründete sie eine Genossenschaft, um in der oberen Leventina ein Maiensäss zu erwerben. Hier wollten sie ihre Ideen einer gleichberechtigten, freien und naturverbundenen Lebensform umsetzen.

Auf der Alp

Drei Jahre blieb Sabine Hayoz Kalff auf der Alp, lernte die Härte, aber auch die Schönheiten des Landlebens sowie die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität in den zwischenmenschlichen Beziehungen der Gruppe kennen. «Wir hatten weder fliessendes Wasser noch Elektrizität. Noch heute erinnere ich mich, wie viel es auf der Alp brauchte, bis wir unsere erste Tasse eigenen Kräutertee trinken konnten, angefangen beim Schlagen des Holzes im Wald, über das Hochtragen des Wassers vom Brunnen, das Anpflanzen der Kräuter im Garten bis zum Entfachen eines rauchfreien Feuers in der primitiven Küche – aber auch wie archaisch schön das Erleben des Wetters, der Gewitter im Besonderen war.»

Ähnlich schwierig wie das Überleben als Selbstversorger erwies sich die Umsetzung einer idealen, gleichberechtigten, freien Lebensform. Nicht bloss zwischen Mann und Frau, sondern überhaupt. In diesem Punkt hat die Abgeschiedenheit zwar viele Einsichten, aber keinerlei Vereinfachung gebracht.

Und so vermisste Sabine Hayoz Kalff die Stadt je länger desto mehr, sehnte sich nach anregenden, kulturellen Veranstaltungen und einem leichteren Leben. Sie verliess das Tessin, verabschiedete sich von ein paar Idealen – doch nicht von dem Streben nach dem guten Leben. Noch immer war genau diese Frage ihr Motor. Und so ist es kein Zufall, dass sie zurück in Bern alsbald den Buddhismus für sich entdeckte.

Entdeckung des Buddhismus

In der Folge traf sie viele bedeutende tibetische Lamas, unter ihnen auch den Dalai Lama. Bei ihnen fand sie, was sie schon lange gesucht hatte: konkrete Anweisungen, wie ein gutes Leben gelingen kann. Und sie begriff, dass jede Änderung im Inneren bei sich selber beginnt. Sie begann mit dem Studium und der Praxis des tibetischen Buddhismus. Vieles gefiel ihr sehr. Allerdings fand sie auch hier die Leerstelle zwischen Theorie und Praxis: Die theoretische Bekennung dazu, dass wahre Erleuchtung nicht geschlechtsabhängig ist, sondern darüber steht – und die reale Tatsache, dass auch der tibetische Buddhismus fast ausschliesslich von Männern geprägt wurde.

Trotzdem fand sie im Buddhismus ihr Glück gleich doppelt: in der Spiritualität und in der Liebe. Auf einer Veranstaltung mit dem Dalai Lama begegnete sie Martin Kalff, ihrem späteren Mann, der über sein Studium der vergleichenden Religionswissenschaften und der Jungschen Psychologie zu einem der ersten gelehrten und praktizierenden Buddhisten in der Schweiz geworden war.

Sabine Hayoz Kalff wurde aber auch immer wieder mit Widersprüchen konfrontiert. Gerade als Mutter wurde sie sich der Grenzen des Machbaren bewusst. Doch diese Dinge waren nicht Hindernis, sondern Herausforderung. Unterdessen ist ihr Sohn erwachsen und sie Lehrerin für buddhistische Philosophie und Meditation sowie Autorin des Buches «Tara, Stern der freien Frauen». Sie gehört zum Vorstand des Buddhistischen Zentrums Zollikon, das sie zehn Jahre lang als Präsidentin leitete. Ihre Auseinandersetzung mit der spirituellen und religiösen Emanzipation der Frau und das Streben nach einem freien und liebevollen Leben in Harmonie mit den Gegensätzen sind ungebremst.

Im März 2012 erhielt Sabine Hayoz Kalff in Bangkok die Auszeichnung «Outstanding Woman in Buddhism». Diese Anerkennung hält nach aussen fest, was Sabine Hayoz Kalff innerlich beglückt: Es ist ihr gelungen, einiges zu verwirklichen, von dem sie bereits als junges Mädchen geträumt hatte. (db)

Konkrete Informationen zum Programm des buddhistischen Zentrum Zollikons unter http://www.buddha.zollikon.ch/ und http://www.tara-libre.org/.

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