«Zum Geburtstag der Schweiz wünsche ich uns Bescheidenheit»

Orsola Vettori hält in einer Woche die 1.-August-Ansprache auf der Zolliker Allmend. Der Zolliker Bote traf die Direktorin des Spitals Zollikerberg im Vorfeld und sprach mit ihr über Heimat, Zugehörigkeit und einen Weltmeistertitel, auf den die Schweiz nicht stolz sein kann.

Frau Vettori, die 1.-August-Rede wird in Zollikon einer langen Tradition folgend von einer Persönlichkeit aus der Gemeinde gehalten. Wie verbunden sind Sie als Spitaldirektorin mit Zollikon?

Orosla Vettori: Mit Zollikon bin ich sehr verbunden, wenn auch auf eine andere Art, als wenn ich hier wohnen würde. Stundenmässig verbringe ich sicherlich mehr wache Zeit hier als an meinem Wohnort in der Stadt Zürich. Eine gute Beziehung zur Gemeinde ist mir sehr wichtig. Ich stehe  immer wieder in Kontakt mit Behörden und natürlich haben wir im Spital Zollikerberg auch viele Patienten aus Zollikon. An kulturellen Veranstaltungen der Gemeinde nehme ich ebenfalls ab und zu teil. Im Frühling besuchte ich beispielsweise die Fotoausstellung von Igor Schneebeli in der Villa Meier Severini. Der Künstler gefiel mir so gut, dass wir ihn für einen Spitalauftrag angefragt haben.

Verfolgten Sie bis anhin jeweils die 1.-August-Reden auf der Zolliker Allmend oder andere im Land?

Live vor Ort war ich an 1.-August-Feiern seit meiner Kindheit nicht mehr. Vielmehr habe ich im Nachhinein jeweils in den Zeitungen gelesen, wer was gesagt hat zum Nationalfeiertag.

Ohne den Inhalt Ihrer Rede bereits zu verraten, können Sie uns sagen, in welchem Zeichen Ihre Rede stehen wird?

Das mache ich gerne, mehr verrate ich aber wirklich nicht (lacht): Einheit in der Vielfalt, davon handelt meine Rede.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat bedeutet mir sehr viel. Als italienisch-schweizerische Doppelbürgerin weiss ich, wie wichtig es ist als junger Mensch ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln zu können. Ich selber habe als Kind manchmal darunter gelitten, anders zu sein als die andern, weil ich (damals) keine Schweizerin war. Die Einbürgerung über meinen Vater war deshalb eine wichtige Zäsur. Heimat bedeutet für mich, dass ich mich zuhause fühle und dass mir die Kultur an diesem Ort vertraut ist.

Fühlten Sie sich denn als Seconda jemals fremd in der Schweiz?

Nein, im Gegenteil. Ich bin hier aufgewachsen und meine Mutter, die Schweizerin war, hat mich stark geprägt. Auch haben wir zuhause hauptsächlich Schweizerdeutsch gesprochen, was ich zugegebenermassen später etwas bereute. Mein Vater wollte Deutsch lernen. Italienisch blieb deshalb für mich eine Fremdsprache. Dass die Schweiz meine Heimat ist, wurde mir richtig bewusst, als ich für längere Zeit in den USA weilte und mit dem Gedanken spielte, in Übersee zu bleiben. Damals wurde mir klar, dass ich zu weit weg von meinen Wurzeln wäre, dass ich in die Schweiz gehöre, wo auch ein grosser Teil meiner Familie lebt.

 

Stichwort eigene Wurzeln. Das Spital Zollikerberg hat vor zwei Monaten sein unabhängiges und selbstfinanziertes Babyfenster eröffnet, das erste im Kanton Zürich. Ein Kind, das im Babyfenster abgegeben wird, kennt seine Herkunft nicht. Wie wichtig finden Sie es, seine eigenen Wurzeln zu kennen?

Auch aufgrund meiner eigenen Erfahrung kann ich das Anliegen, die eigenen Wurzeln zu kennen, sehr gut nachvollziehen. Auf der anderen Seite habe ich mich mit der Situation von Frauen beschäftigt, die ein Kind in einem Babyfenster abgeben. In ganz speziellen Situationen kann ein Babyfenster Leben retten. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, eine solche Einrichtung anzubieten.

Warum wurde das Angebot der diskreten Geburt, bei der die Schwangere im Spital unter einem Pseudonym Betreuung erhält, nach der Geburt jedoch die Zivilstandbehörde informiert wird, parallel zum Babyfenster eingeführt?

Wir möchten damit erreichen, dass es möglichst keine Situation gibt, in der eine werdende Mutter, die vor grossen Schwierigkeiten steht,  ohne professionelle Betreuung gebären muss. Auch mit der diskreten Geburt lässt sich kaum vollständig verhindern, dass ein Kind im Babyfenster abgegeben wird. Wir setzen aber alles Menschenmögliche daran, dass dies so selten wie möglich vorkommt.

Zurück zum Nationalfeiertag. Am 1. August feiern wir die Schweiz. Was schätzen Sie persönlich an unserem Land am meisten?

Ich finde, wir haben in der Schweiz eine sehr gute Kultur der Toleranz unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Das friedliche Zusammenleben, das uns hier auf engem Raum und mit unterschiedlichen Sprachen gelingt, ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Das weiss ich sehr zu schätzen. Auch eine intakte Umwelt ist mir sehr wichtig. Ich bin äusserst dankbar, dass wir in der Schweiz noch in den Seen baden und frische Luft einatmen können.

Hätten Sie für unser Land drei Wünsche offen, was würden Sie sich wünschen?

Es gibt auf der Welt so viele Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns. Etwas mehr Solidarität und Engagement würde uns gut anstehen. Ausserdem wünsche ich mir, dass es uns gelingt, noch nachhaltiger mit unseren Ressourcen umzugehen. Wir Schweizer sind Weltmeister im Abfall produzieren. Darauf können wir nicht stolz sein. Nur weil wir uns alles leisten können, heisst das noch lange nicht, dass wir uns auch alles leisten sollen. Daher wünsche ich uns Bescheidenheit. Schliesslich wünsche ich uns eine initiative und engagierte Jugend, die uns fordert und die Zukunft unseres Landes aktiv in die Hand nimmt. (mmw)

Lesen Sie das kompellte Interview mit der Spitaldirektorin Orsola Vettori im aktuellen Zolliker Bote vom 25. Juli 2014. 

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