Vom Brückenbauer zum Schauspieler

Der langjährige Gemeindeingenieur Iwan Kern ist erst spät zum Theater gekommen. Als Zahlenmensch hatte er sich lange das Auswendiglernen langer Textpassagen nicht zugetraut.  Zum Glück haben ihn die Theaterregisseure Karin Benz und Jürg C. Maier an die Hand genommen und auf die Bühne geführt. Heute Abend feiert er seine vierzehnte Premiere.

Seine Theaterkarriere begann Iwan Kern, 77, erst nach seiner Frühpensionierung infolge einer Umstrukturierung in der Gemeindeverwaltung. Karin Benz, Präsidentin der Theatergruppe Zollikon, ergriff den Moment, packte Iwan Kern, liess sich durch sein Zögern nicht beeindrucken und schleppte ihn an ein Theaterweekend mit. Erstmals in seinem Leben machte Iwan Kern da unter Anleitung Theater-Aufwärmübungen. «Als ehemaliger Bauingenieur sah ich mich weniger als Schauspieler», erzählt Iwan Kern, «doch hinter der Bühne zu wirken, konnte ich mir noch vorstellen.»

Doch er hatte die Rechnung ohne seine Regisseure gemacht. Es verging keine Woche, da bestellte ihn Regisseur Jürg C. Maier zu sich und sagte ihm: «Erschrick nicht, ich habe dir eine Hauptrolle gegeben. Und sag nicht nein – ich weiss, dass du das kannst!“» So richtig wohl war Iwan Kern erst nicht. «Mein Leben lang ist mir das Auswendiglernen sehr schwer gefallen», erzählt er, «meine Angst vor einer Textpanne war gross.» So gross, dass sie dann auch prompt in einer Aufführung eintrat. «Ich schämte mich fürchterlich. Ich war mir sicher, ich würde niemals mehr auf eine Bühne treten.» Nichts desto trotz ist er seither festes Mitglied des Schauspielerensembles. Seine Panne hatte nämlich auch ihr Gutes gehabt: Sie hatte Iwan Kern gezeigt, dass das Ensemble in Notfällen zuverlässig einspringt und die Panne überspielt. Ein Grossteil des Publikums hatte seine Schwäche gar nicht mitbekommen.

Auch dieses Jahr spielt er mit. Zu Ehren des 450. Geburtstages von Shakespeare wird „Ein Sommernachtstraum“ aufgeführt. Iwan Kern spielt den Egeus.

Dem Mutigen lächelt das Glück

Privat fand er jung bereits sein Glück. «Ich wollte unbedingt an den Uni-Ball. Doch ich war sehr schüchtern»,  erzählt er, «gerne hätte ich die kleinere der beiden Arztgehilfinnen meines Hausarztes um Begleitung gebeten, sie gefiel mir. Doch wie vorgehen? Ich wusste nicht einmal ihren Namen.» Schliesslich nahm er allen Mut zusammen, verfasste ein Briefchen an die «kleinere Arztgehilfin», lud sie ein und bat sie, ihre Antwort per Feldpost ins Militär zu schicken. Die kleinere Arztgehilfin war Rita. Sie hat den Brief noch heute. Sie kam nicht nur mit an den Universitätsball, sondern begleitet ihn seither durchs ganze Leben.

Als junger Familienvater wechselte Iwan von der Privatwirtschaft ins Tiefbauamt der Stadt Zürich und spezialisierte sich auf die Verkehrsplanung und -projektierung.  «Das war beruflich  meine schönste Zeit», sagt er, «als Verantwortlicher für die südliche Stadthälfte ging es zum Beispiel darum, die Verkehrsplanung rund ums Bellevue, Stadelhofen, den Kreuzplatz und den Pfauen zu entwickeln und die entsprechenden Projekte auszuarbeiten.»

Die Zeit war visionär: Unter Iwan Kerns Leitung wurden unter anderem der verkehrsfreie Stadelhofen-Platz und die ungehinderte Zufahrt von Tram und Forchbahn zwischen Kreuzplatz und Bellevue realisiert. Andere Pläne hingegen fielen aus Kostengründen ins Wasser, so zum Beispiel die Idee, die Seestrasse ab Utoquai unterirdisch und dann in einem runden Bogen ums Bellevue wieder oberirdisch über die Quaibrücke zu führen, was ein (fast) ampelfreies Bellevue ermöglicht hätte.

Im Wandel der Zeit

Dann änderten sich die Zeiten. Eben noch schien alles möglich, der Horizont war weit – plötzlich aber war das vorbei. Die Wirtschaftslage verschlechterte sich, die Blickwinkel wurden wieder enger. Man suchte nicht mehr die besten Lösungen, sondern die günstigsten – und dies kommt leider nur in Glücksfällen auf dasselbe heraus. Auch Iwan Kern achtete aufs Geld. Gerne hätte er eine neue berufliche Herausforderung, angenommen, doch ein Wechsel in die Privatwirtschaft erschien ihm zu gewagt. Da stach ihm das Inserat der Gemeinde Zollikon ins Auge, die einen Gemeindeingenieur suchte. «Die Vorstellungsgespräche waren verheissungsvoll, das Angebot auch finanziell attraktiv», sagt Iwan Kern, «doch der Alltag war dann doch anders, als ich es mir vorgestellt hatte.»

War er es sich aus der Stadt gewohnt gewesen, selbständig zu arbeiten und Verantwortung zu tragen, hatte solches auf Gemeindeebene wenig Platz. Die Kompetenzverteilung funktionierte auf dem Land anders. So war dieser Stellenwechsel für Iwan Kern nicht ganz so ideal, wie er es gehofft hatte. Doch der Austausch in den Arbeitsgruppen aus der Bevölkerung, die mithalfen, im Rahmen der damaligen Ortsplanung die neuen Richtpläne zu erarbeiten, machten ihm viel Freude. Er blieb. Es war Krisenzeit. Er war froh, einen angemessenen Zahltag zu haben, einen kurzen Arbeitsweg und eine starke Verwurzelung in Zollikon, wo er bereits 1949 die 6. Primarklasse im Dorf besuchte hatte und seither ununterbrochen wohnen geblieben war. Dass er dann doch in Frühpension ging, zeigt, dass die Freude nicht bis zum Schluss anhielt. Doch das ist nun 17 Jahre her.

Das Leben ging weiter, und dies nicht schlecht: Zollikon ist und bleibt seine Heimat, hier ist er gerne. Hier singt er in diversen Chören, hier hilft er innerhalb der katholischen Kirche in diversen Rollen, hier fährt er für „Senioren für Senioren“ auf Anfrage Fahrdienste. Er wirkt als Senioren-Hilfskraft für „Generationen im Klassenzimmer“ in vier Mathematik-Stunden bei zwei Sekundarschul-Klassen mit, spielt Tennis und liebt leichtere Wanderungen.

Von Zollikon aus bereiste er insgesamt 65 Länder und kehrt immer wieder gerne hierhin zurück. Und hier spielt er auch Theater.

Das ist für ihn noch immer das Erstaunlichste, dass er, der Zahlenmensch, dem sein Griechischlehrer einst unvergesslich «Ja, ja, der Kern wälzt sich im Unverstandenen wie eine Sau im Dreck», an den Kopf warf, nun bereits zum vierzehnten Mal auf der Bühne steht. Und, wenn auch in einer ihm angepassten kleineren Rolle, so doch als stolzer Grieche. (db)

Gespielt wird der Sommernachtstraum am Fr. 19.,Sa. 20., Mi. 24., Do. 25., Fr. 26. und Sa. 27. September, jeweils um 20 Uhr im Gemeindesaal Zollikon.Tickets sind erhältlich über das Theater-Telefon 079 858 79 90, in der Apotheke Zollikon an der Bergstrasse 22 oder an der Abendkasse, die jeweils ab 18.30 geöffnet ist. Das Theater Bistro ist jeweils ab18 Uhr offen.

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