Zumikon

«Ich bestimme, wer überlebt»

Die Krimiautorin Christine Brand rettete als Kind sogar Fliegen. In ihren Büchern geht es ruppiger zu – demnächst auch in Zumikon.

Wenn Christine Brand nächste Woche in der Bibliothek Zumikon liest, kommen «Freunde feiner Verbrechen» auf ihre Kosten. Die Schweizer Journalistin und Krimi-­Autorin hat mit «Blind» ­einen Roman verfasst, der sich lange auf der nationalen Bestsellerliste hielt und es gar auf den zweiten Platz schaffte. Im Mittelpunkt steht der blinde Nathaniel, der mit einer unbekannten Frau telefoniert. Ein Schrei ertönt, die Frau verstummt. Nathaniel ist sich sicher, dass ein Verbrechen begangen wurde, doch niemand glaubt ihm. Gemeinsam mit der Journalistin Milla macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Im Interview verrät Christine Brand, wie und wann sie schreibt.

Frau Brand, haben Ihre Familie und Freunde nicht Angst vor Ihnen bei so viel krimineller Energie?

Gar nicht. Alle wissen, dass ich wirklich keiner Fliege – Mücken schon – etwas antun kann. Als Kind habe ich wirklich Fliegen in einem kleinen Glas gefangen und so vor der Klatsche gerettet. Ich habe aber eine sehr grosse Fantasie. Diese wurde unter anderem durch den Beruf meines Vaters als Bestatter gefördert. Und so lange ich diese Energie nur schriftlich auslebe, ist ja alles in Ordnung.

Wie entwickeln Sie Ihren Plot und Ihre Protagonisten?

Fast jeder Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Ich habe wirklich selber diese App installiert, über die Blinde mit Sehenden anonym kommunizieren können. Ich war gerade in einem Gespräch, als ich mich fragte: Was, wenn mich jetzt in diesem Moment jemand niederschlägt? Das war das Samenkorn, das in meinem Kopf dann anfing zu wachsen. Das schwierigste Element ist aber das Motiv. Ich bin keine Freundin von Schwarz gegen Weiss. Ich möchte, dass der Leser nachvollziehen kann, warum jemand zum Täter wird. Bei den Protagonisten mische ich. Ich nehme Äusserlichkeiten und Eigenschaften von real existierenden Personen und mache meine eigene Mixtur. Um die Protagonisten besser kennenzulernen, fülle ich einen Fragebogen mit 52 intimen Fragen aus. Ich steige quasi in deren Kopf und antworte. Ich frage mich zum Beispiel, ob sie Fleisch essen oder welche Musik sie hören. So werden die Figuren glaubwürdig. 

Kennen Sie von Anfang an das Ende des Buchs?

Ich weiss genau, wohin ich will. Den konkreten Weg kenne ich noch nicht. Der entsteht beim Schreiben. Für mein neues Buch musste ich erstmals ein Exposé schreiben. Das hat mich absolut gehemmt. Ich dachte, ich muss mich ganz konkret, fast krampfhaft, daran halten. Der Verlag hat mir dann aber signalisiert, dass ich frei bin – solange es im Rahmen bleibt. Da konnte ich meine Fantasie wieder loslassen.

Sie haben auch als Gerichtsreporterin gearbeitet. Ist das auch Inspiration?

Absolut. Manchmal trifft man auf die absurdesten Lebensgeschichten. Ich habe einen Fall dann auch wirklich als Nebenschauplatz in dem Buch verarbeitet. Dabei hat ein Musiklehrer seinen Schüler vorsätzlich mit HIV infiziert. So etwas könnte ich mir gar nicht ausdenken.

Schreiben ist ein einsames Geschäft. Fehlen Ihnen manchmal die Kollegen, der Austausch?

Im Gegenteil. Ich muss aus meinem sozialen Umfeld gerissen werden, um schreiben zu können. Ich muss in die Geschichte eintauchen können. Deshalb schreibe ich fast nur noch im Ausland. Das ist dann aber nicht die einsame Alp, sondern eher eine Stadt mit Menschen, mit Geräuschen. Ich schreibe sehr gerne in Sansibar. Allerdings habe ich durch die Besuche da auch schon ein eigenes soziales Umfeld entwickelt. Die Menschen wissen aber, dass sie mich einfach ignorieren dürfen. Ausserdem habe ich alle Ablenkungsmöglichkeiten minimiert. In meinem Zimmer stehen ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Und wenn die Fensterscheibe dreckig ist, muss ich sie nicht putzen. Ich setze mir aber selber Anreize. So möchte ich mein neues Buch in drei Monaten fertig haben, weil ich mir selber versprochen habe, dass ich dann einen Monat reisen darf. 

Der Buchmarkt wird immer schwieriger. Merken Sie das auch?

Überhaupt nicht. Ich war gerade auf drei Festivals, auf denen ich gelesen habe, und war erstaunt, wie viele Menschen kommen, um sich vorlesen zu lassen. Vielleicht ist das ein Teil unserer Entschleunigung. Ich bin gerade von einem kleinen Verlag in der Schweiz zur grossen Verlagsgruppe Random House gewechselt und bin mit den Zahlen absolut zufrieden.

Glauben Sie, dass es in 20 Jahren noch Zeitungen geben wird?

Ja. Aber in anderer Form. Dann wird der Hintergrund- und Meinungsjournalismus gefragt sein. Als Überbringerin von Nachrichten ist die Zeitung ja jetzt schon zu schwerfällig – ausser man schliesst Online-­Zeitungen mit ein. Ich habe eben einen Podcast für die NZZ gemacht und stelle selber fest, wie sich der Journalismus verändert. Bedenklich wird es allerdings, wenn Parteien sich bei der Finanzierung einmischen. Wichtig ist auch, dass den Journalisten für ihre Recherchen ausreichend Zeit gegeben wird.

Wie viel Christine Brand steckt in der fiktiven Journalistin Milla?

Ich sage immer: Nicht so viel. Und das ist natürlich gelogen. Es gibt sicher Parallelen, doch ich grenze mich auch ab. So ist Milla viel unvorsichtiger und unbedachter als ich. Es macht mir aber grundsätzlich fast diebische Freude, Schicksal spielen zu dürfen. Die Figuren zum Leben zu erwecken. Zudem bestimme ich, wer überlebt und wer nicht. (Interview: bms)

Christine Brand liest am Freitag, 1. November, um 19.30 Uhr in der Gemeindebibliothek Zumikon.

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