Zollikon

Vom Leben singen, dem Leben zuhören

Res Wepfer legt ein ernstes Album vor – aber eines ohne erhobenen Zeigefinger. (Bild: zvg)

Res Wepfer legt mit seinem vierköpfigen Kabinett das neue Album «Songs aus dem Unterhaus» vor, in seinem Hauptberuf als Psychotherapeut arbeitet er mit schwierigen Jugendlichen.

Ganz am Anfang seiner Karriere stand eigentlich ein Missverständnis. Der kleine Res sägte sich aus einer Holzplatte eine Ukulele und bespannte sie mit Schnüren. «Meine Eltern dachten, dass die Sägearbeit eine Geige darstellen solle, und schickten mich allen Ernstes in den Violinunterricht», erinnert sich der Musiker. Ganze sieben Jahre lang übte er widerwillig auf der Geige, ehe er auf die Gitarre umstieg. Mittlerweile waren die Hände auch gross genug, um deren Saiten drücken zu können. 

Im stinkenden Tourbus

Ein weiteres Missverständnis sollte Jahre später folgen. Nach der Schule und der Ausbildung zum Tonmeister ging Res Wepfer ans Konservatorium zum Vorsingen. «Ich hatte noch nicht einmal ganz eingeatmet und den ersten Ton von mir gegeben, als der Professor mich unterbrach und zum Berufsberater schickte.» Dabei habe er später – nachdem der erste Schmerz überwunden war – erkannt, dass der Professor recht gehabt hatte. «Ich wollte doch gar keine Arien singen.» Er wollte Musik machen. Stimme und Gesang reizten ihn. Er fing mit Freunden an zu musizieren, erst wurden Songs gecovert, später eigene geschrieben, und zwar immer in Mundart. Das «Pfannestil Chammer Sexdeet» wurde gegründet, landete mit «Einegeligi Riisnegeli» einen echten Hit und tourte durch das Land. «Am Anfang war es so, dass wir Theater mieteten, um dort zu spielen. Später haben die Theater uns gemietet und engagiert.» Grosse Bühnen haben ihn dabei nie interessiert. Es ging in die Dörfer, in die ganz entlegenen Pfarreikeller. Viele Stunden habe er in stickigen Garderoben oder in einem stinkenden Tourbus verbracht. «Doch in den hinterletzten Käffern findet man die interessanten Leute», so der Vollblutmusiker. Oft waren es Lieder mit komödiantischem Einschlag, mit Augenzwinkern, die sie zum Besten gaben. Das neue Album ist da anders. Wie immer – wie bei allem eigentlich – gehe es um das Leben. Doch mit ernsten Tönen. Zum Schmunzeln gibt es diesmal nichts. «Das erlaube ich mir einfach mal. Immerhin will ich mich ja auch noch weiterentwickeln.» Gemeinsam mit Nick Gutersohn, Herbert Kramis und seiner Frau Lisa Gretler serviert er Songs mit bittersüssem Abgang und einem Hauch von Jazz. 

Zurück im Zollikerberg

Lisa Gretler spielt nicht nur Piano – wie in dem Kabinett –, sondern auch noch Posaune und Schlagzeug. Gemeinsam hat das Paar zwei Kinder. «Als wir auf der Suche nach schallresistentem Wohnraum waren, haben meine Eltern netterweise mein Elternhaus geräumt, sodass wir es beleben dürfen. Und mit Beleben haben wir kein Problem», lacht der dankbare Sohn. Damit hat es ihn zurück in den Zollikerberg gezogen – nach seinen Lehr- und Wanderjahren. Zu denen gehörten nicht nur Tausende Konzerte und sieben CDs, sondern auch Preise wie der «Salzburger Stier» oder der Schweizer Kleinkunstpreis. Und dazu zählt er auch sein Psychologiestudium. Als Tonmeister im Studio und bei Live-Gigs kam er mit vielen Musikern zusammen. «Und ich hatte das Bedürfnis, diese besser verstehen zu wollen. Also entschied ich mich für die Psychologie.» Wie hart das Leben mit Musikern sein kann, erfuhr er auf einer Tour durch Österreich, Deutschland und die Schweiz mit einer «Hardcore-Jazz-Band». Auf engstem Raum seien extrem dynamische Prozesse entstanden. Spannend sei es oft am Zoll gewesen, wenn jeder felsenfest behauptet habe, wirklich nichts Verbotenes dabei zu haben, und das Auto dann doch nicht immer ergebnislos gefilzt wurde. «Da mussten wir die Innenverkleidung vom Auto abmontieren und standen in Unterhosen da», lacht Res Wepfer heute. 

Seinen Beruf als Psychotherapeut übt er mittlerweile in einem Berufsbildungsheim aus, wo Jugendliche leben, die Probleme mit dem Erwachsenwerden haben. «Wenn die nicht funktionieren, wie sie sollen, wenn es so richtig knirscht, dann wird mir warm ums Herz. Das ist die Arbeit, die ich liebe.» Sie sei auch die perfekte Ergänzung zu seinem Bühnenjob. «Als Musiker singe ich den Leuten etwas vor, sehe in ihre Gesichter. Als Therapeut höre ich zu. Das ist eine gute Mischung.»

Kein Lampenfieber

Im Laufe seines Lebens sind unzählige Lieder entstanden. Diese erstmals zu präsentieren, sei für ihn fürchterlich. «Da bin ich absolut ­neurotisch. Fast unerträglich. Man muss den Song loslassen und ihn zum allerersten Mal zwei neuen Ohren anvertrauen. Das ist jedes Mal grässlich.» Immerhin bleibe er dagegen von Lampenfieber verschont. «Vor den ersten zehn Konzerten war ich aufgeregt. Seitdem nicht mehr», ist er dankbar. Schliesslich weiss er, dass es viele Liedermacher-Kollegen gibt, die auch nach Jahren vor jedem Konzert bibbern. Gespannt ist er aber schon, wie der «neue» Res Wepfer ankommt. Damit zur Musik: Wenn der Liedermacher sagt, dass es ein ernstes Album geworden ist, dann klingt das nach Schwere, fast nach erhobenem Zeigefinger. Aber das sind die «Songs aus dem Unterhaus» gar nicht. Ganz leicht kommt die weiche Stimme des Sängers daher. Es geht groovig und swingend los. Vor dem inneren Auge erscheint eine Bar, in der noch geraucht werden darf. Melancholische Bläser tun dem Ohr gut und auch die Ukulele ist immer noch da. Manchmal klingt ein bisschen Sehnsucht durch: «Manchmal wäre ich gerne eine Symphonie, zwölf Register, eine ­Melodie. Manchmal wäre ich gerne der ganze Roman», heisst es zum Beispiel. Res Wepfer schafft es wunderbar, Augenblicke einzufangen. Da gibt es keinen Wow-Effekt, aber viel Ehrlichkeit und Poesie. «Ich singe für Kinder und die, die es noch sind.» Wer fühlt sich da nicht manchmal angesprochen? (bms)

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