11/2016 «Ich hatte absolute Narrenfreiheit»

Von adminZoZuBo ‒ 18. März 2016

«Ich hatte absolute Narrenfreiheit»

Seit zwei Jahren leitet Beatrice Herzog die Zumiker «Milchhütte». Auf ihre unaufgeregte und freundliche Art gibt sie der Galerie die Richtung vor.

Dabei stand die Kunst ganz lange nicht im Vordergrund von Beatrice Herzogs Leben. Sie kam erst spät – dann aber heftig. Nach ihrer Matura machte sie zunächst eine Ausbildung zur Primarlehrerin und wandte sich dann der Juristerei zu. Aber auch während dieser Tätigkeit lagen ihr in erster Linie Kinder und Jugendliche am Herzen: Beatrice Herzog arbeitete in der Jugendanwaltschaft in Meilen. «Dort geht es eben nicht um Strafe, sondern eher um Hilfe für die straffällig gewordenen Jugendlichen», erläutert sie. Ziel ist es, junge Menschen wieder auf den richtigen Weg zu lotsen, junge Menschen, bei denen vielleicht noch nicht alles zu spät ist. Es habe auch traurige Schicksale gegeben. «Manchmal sieht man einfach schon, wie die Weichen gestellt sind», erinnert sich Beatrice Herzog. Es hätten eben nicht alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen.

Für die heutige Galeristin folgte dann die klassische Familienphase. Drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, brachte sie zur Welt. Auch ganz klassisch kümmerte sie sich hauptberuflich um das Trio, bis die jüngste Tochter in den Chindsgi kam. Beatrice Herzog erinnerte sich an ihre Ausbildung zur Primarlehrerin und stieg als solche wieder in das bezahlte Berufsleben ein. «Es gibt einfach keinen anderen Job, in dem man auch 13 Wochen Ferien hat», lacht sie rückblickend.

Keine Lösung ideal

Und schon kam die nächste Phase in ihrer Lebensgeschichte: Ihr Mann Christian wurde im Jahr 2002 beruflich nach Paris gerufen. Die Kinder waren mittlerweile 17, 14 und 11 Jahre jung. «Der Grosse hat uns gleich mitgeteilt, dass er nicht mitgehen würde», erinnert sie sich an die herausfordernde Zeit. Und auch der 14-Jährige fand den Umzug «eher unlustig». Schweren Herzens stimmten die Eltern zu, dass der grosse Sohn in Zürich bleiben durfte. «Keine der Lösungen war ideal, aber wir mussten es einfach versuchen», so die Mutter Beatrice Herzog. Mit vielen Telefonaten habe sie versucht, weiterhin etwas Kontrolle in der Hand zu haben. Und wenn ihr der Sohn erzählte, dass er am Sonntag alleine durchs Kunsthaus wanderte, war das Mutterherz natürlich schwer. Sie habe so sehr seine Einsamkeit gespürt. Und doch zieht sie ein sehr positives Fazit: «Wir haben alle von dieser Erfahrung profitiert», ist sie sich sicher. Die jüngeren Kinder besuchten in Paris die Deutsche Schule und Beatrice Herzog hatte plötzlich Zeit. Viel Zeit. Und diese verbrachte sie nicht in Schuh- oder Taschengeschäften. Sie erspürte die Pariser Kunstszene. Sie besuchte Museen, Galerien. Sie stürzte sich in Literatur- und Kunstgeschichte, besuchte feste Kunstzirkel. Ihre Augen strahlen, wenn sie sich an diese Zeit erinnert. Als sie im Jahr 2006 zurück in die Schweiz kam, setzte sie diese Begeisterung gleich in die Tat um und liess sich bei Kuverum, einer der Fachhochschule Nordwestschweiz nahestehenden Ausbildung in Museumspädagogik und Kunstvermittlung ausbilden.

Freunde mit Kunstzirkel überrascht

Ihre Überzeugung ist ganz klar, dass Kunst auch immer vermittelt werden muss – moderne Kunst im besonderen Masse. Aber auch die Idee eines Kunstzirkels liess sie nicht los, hatte sie doch in Paris eine eindrückliche Persönlichkeit kennengelernt, die einen solchen Zirkel erst für Kinder, dann für Erwachsene ins Leben gerufen hatte. «Mir war natürlich klar, dass Zürich nicht Paris ist. Aber ich glaubte fest daran, dass die Stadt gross genug für einen solchen ‚jour fixe‘ ist», erinnert sich Beatrice Herzog. Kurzerhand stellte sie ein Halbjahresprogramm auf die Beine, informierte ihren gesamten Freundeskreis und noch heute ist der letzte Donnerstag im Monat um 14 Uhr reserviert für Kunsterlebnisse der besonderen Art. «Ich hatte ja absolute Narrenfreiheit bei der Gestaltung des Programms.» Der Zirkel besucht Galerien, Kirchen, Museen und Ateliers. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte und der Kreis etablierte sich. Und dann meldete sich Claudia Bischofberger bei der begeisterten Museumspädagogin. Sie hatte als Beirätin Beatrice Herzog in der Ausbildung kennengelernt und war auf der Suche nach einer Nachfolgerin für die Leitung der «Milchhütte». Beatrice Herzog sagte sofort zu. Gleichzeitig habe sie natürlich grossen Respekt vor der Aufgabe gehabt. «Ich wollte natürlich das Niveau halten und den hohen Erwartungen entsprechen.» Nach zwei Jahren kann man sagen, dass ihr das gelungen ist – wenn es auch nicht immer leicht ist. Da ist zum Beispiel die Auswahl der Künstler, die ihr oft schwer fällt. Klar ist: Wer in der «Milchhütte» ausstellen möchte, muss zuvor ein umfangreiches Dossier und eine Dokumentation der Werke vorlegen. «Schön ist, dass ich Claudia Bischofberger immer noch als Beraterin kontaktieren kann, wenn ich mir selber nicht sicher bin», erklärt Beatrice Herzog. Parallel muss sie aber auch auf ein breites Repertoire achten und verschiedene Kunststile anbieten. Besonderes Highlight jedes Jahr ist dabei die Gruppenausstellung im Sommer. «Es ist besonders inspirierend, mehrere Künstler vor Ort zu haben. Da entsteht eine besondere Dynamik», umschreibt die Galeristin das Flair. Wer nun Lust auf Kunst und vielleicht auf «Kunst machen» bekommen hat, hat dazu bald Gelegenheit. Am 9. und 16. April gib es Malworkshops mit Vitoria Pinto. (bms)

 

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