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«Die Hütte ging, die Wagen bleiben»

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 26. April 2024

Die alte Forsthütte im Zolliker Wald ist Vergangenheit, die Bauwagen für die Arbeiter aber bleiben.

Bagger rollten an, Mulden wurden befüllt: Eine Zukunft gibt es für die alte Forsthütte am Feufbüel keine mehr. (Bild: cef)
Bagger rollten an, Mulden wurden befüllt: Eine Zukunft gibt es für die alte Forsthütte am Feufbüel keine mehr. (Bild: cef)

Montagmorgen, kurz nach zehn Uhr. Eine Gruppe von Männern steht im Zolliker Wald bei den Bauwagen und wärmt sich an einem Lagerfeuer. Das Thermo­meter zeigt drei Grad, der April überrascht mit leichtem Schneetreiben. Trotzdem sind 12 Männer und eine Frau von Zürich nach Zollikon gekommen, um hier im Wald zu arbeiten. Vis-à-vis der vier Holz­wagen wird gerade die alte Forsthütte am Feufbüel abgerissen. «Eine leidige Geschichte», schüttelt Silvano Mozzini den Kopf. Seit mehr als 30 Jahren betreut er das Projekt des Sozialamtes Zürich. Männer und Frauen können sich beim Angebot «Joblade» für eine Tätigkeit einschreiben, um so wieder in einen Arbeitsprozess integriert zu werden. Das Angebot ist vielfältig: Gastro­nomie, PC-Recycling oder eben ­Arbeit im Wald. Die Gründe, warum Menschen unterschiedlichsten ­Alters in dieser Massnahme betreut werden, sind vielfältig. Arbeits- oder Wohnungslosigkeit, psychische Erkrankungen, Sackgassen in Lebensläufen. Das ist hier vor Ort unwichtig. Die Tätigkeit allein zählt. «Natürlich hätten wir die alte Forsthütte gerne genutzt», sagt Silvano Mozzini. Sie wäre perfekt gewesen – gerade in der kalten Jahreszeit. ­Besonders gerne hätte der Tessiner die Werkstatt im Untergeschoss der ­Hütte genutzt. Aber die Bagger sind am Werk, und die Männer beschweren sich nicht. Sie haben sich arrangiert.

Nicht Arbeit um der Arbeit willen

In den alten Bauwagen wird gekocht, gegessen, gearbeitet und das Werkzeug gelagert. Aus dem Küchenwagen mischt sich Kaffeeduft unter den Rauch des Feuers. Eine Frau schenkt frischen Kaffee aus. «Dass die einzige Frau hier im ­Küchenwagen steht, ist natürlich das perfekte Klischee», lacht ­Silvano Mozzini. Er mag die Arbeit im Wald. Auch die Männer, die jeden Montag und Dienstag nach Zollikon gebracht werden, geniessen die Natur und die Arbeit im Team. «Die Tätigkeit an der frischen Luft wirkt sich einfach positiv aus.» Dabei geht es nicht um Arbeit um der Arbeit willen. Es wird richtig geschafft. Aufgaben des Zolliker Forstbetriebs werden erledigt, die Landi wird jährlich mit 12 000 Holzsäcken beliefert, zudem wird Anzündholz hergestellt und im Jutesack oder in einer Box an verschiedenen Stationen verkauft, das Brennholz wird gestapelt und auf Wunsch auch zugestellt. Frisch- und Trockenholz (Buche und anderes Laubholz) wird vor Ort geschnitten.

Die Bauwagen des «Joblade» vom Sozialamt Zürich bleiben. Dass kein Umzug in die Forsthütte möglich war, bedauert der Leiter. (Bild: cef)
Die Bauwagen des «Joblade» vom Sozialamt Zürich bleiben. Dass kein Umzug in die Forsthütte möglich war, bedauert der Leiter. (Bild: cef)

13 Einsatzwillige – trotz Kälte

Maximal 16 Personen können zeitgleich von den Sozialarbeitern in Zollikon betreut werden. «Dass bei diesem Wetter so viele Arbeitswillige gekommen sind, spricht für den Job», freut sich der Projektleiter.
Um halb eins ist Mittagspause. Die durchfrorenen Männer sitzen eng an eng auf den einfachen Holzbänken. «Es ist wirklich schade, weil sich auch so viele Vereine und Bürger für den Erhalt der alten Hütte eingesetzt haben», bemerkt der Tessiner. Doch die Organisation «Pro Natura» habe nicht nachgegeben. «Ich bin eindeutig für Naturschutz, aber er darf nicht zu militant sein.» Zunächst hatte «Pro Natura» noch gegen den Neubau rekurriert. Nachdem die Holzkorporation den Entwurf geändert hatte, stimmte die Naturschutzorganisation dem Bau zu – bestand aber auf dem Abriss der alten Hütte. Silvano Mozzini hatte sich gewünscht, dass der Zolliker Gemeinderat sich stärker für den Erhalt eingesetzt hätte. Die Stadt Zürich, für die er arbeitet, konnte sich nicht offiziell engagieren. «Da ist eine grosse Chance vertan worden.» Die Enttäuschung teilt er mit vielen. Der Quartierverein Zollikerberg hatte seinerzeit viele Mitstreitende für den Erhalt der Hütte gewinnen können. Da waren der Familienclub, der ornithologische Verein, die Pfadi, der Verschönerungsverein und sogar die Schule – alle hätten die alte Forsthütte auch gerne genutzt.

Um viertel nach drei geht es für die Einsatztruppe zurück zum Treffpunkt am Letzigrund. Die alte ­Forsthütte ist schon fast völlig verschwunden.


Kommentar: Eine vertane Chance

Zollikon ist grün. Mehr als ein Drittel des Zolliker Gemeindegebiets ist Wald. Doch eine Waldhütte für Vereine und Schulklassen, für Treffen aller Art – die gibt es nicht. Stopp. Es gab sie schon. Bis vergangene Woche die Bagger anrückten und die alte Forsthütte dem Boden gleichmachten. Ein paar Meter weiter steht ja der prächtige Neubau der Holzkorporation. Natürlich. Man hätte Schulkassen in die alte Hütte lassen können. Kinder hätten in der Werkstatt etwas bauen können. Der ornithologische Verein hätte die Räume nur zu gerne für sich genutzt. Der Quartierverein, der Familienclub – alle wünschten sich eine Auszeit in der Natur. Das ist nun Geschichte. Vielleicht finden die Schulkinder ja eine App fürs Smartphone, mit der sie virtuell in die Natur können. Vogelstimmen gibt es bestimmt auch digital. Sollen sich die Vereine doch per Teams am Bildschirm treffen oder ihre Versammlungen über Zoom abhalten. Wer braucht schon eine Hütte im Wald? Nur die Männer des «Joblade» kommen weiter, sitzen in den zugigen Bauwagen. Diese haben nichts mit den romantischen Circus-Pipistrello­-Wagen zu tun. Schade, haben sich die Baggerfahrer beim Abriss nicht geirrt. Eine vertane Chance.

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