Verzeigt, verurteilt, verknastet

Von Ramona Bussien ‒ 12. Mai 2022

CSI Zollikon? Oder Tatort ­Zumikon? Vielleicht Criminal Minds – Migros Edition. Bei aller Fantasie, mit der die Macher der Kriminalunterhaltung gesegnet sind, stehen sie mit dem Rücken zur Wand, wenn die Realität augenscheinlich nichts zu bieten hat. Keine zerstückelten Leichen, keine legendären Bankraubabenteuer oder Geiselnamen in der Dorfkirche. Zollikon und Zumikon – eine Insel des Friedens, der Ruhe, der Integrität. Oder?

In Zollikon und Zumikon ist die Jugendkriminalität seit Jahren auf konstant tiefem Niveau. (Bild: Archiv)
In Zollikon und Zumikon ist die Jugendkriminalität seit Jahren auf konstant tiefem Niveau. (Bild: Archiv)

Uns Zumikerinnen und Zollikern geht es ausgesprochen gut. Blicken wir über unsere Gemeindegrenzen hinaus, ist Kriminalität längst mehr als ein Unterhaltungsprogramm. Im April veröffentlichte die Oberjugendanwaltschaft eine Medienmitteilung zum Thema Jugendkriminalität und Jugendgewalt mit der Nachricht, diese sei letztes Jahr im Kanton Zürich erneut gestiegen. Diagramme und Grafiken bestätigen es: Seit 2013 stieg die Anzahl verzeigter Jugendlicher konstant an. Die fünf Jugendanwaltschaften des Kantons eröffneten vergangenes Jahr 5961 Strafverfahren gegen Jugendliche – eine Zunahme im Vergleich zum Vorjahr um 10,9 Prozent.

Was bedeutet Jugendgewalt?

Darunter fallen nicht nur tätliche oder sexuelle Angriffe, sondern auch psychische und verbale Gewalt wie Mobbing. Gewalt kann sich gegen andere Jugendliche, gegen Erwachsene, gegen Tiere oder Gegenstände (Vandalismus) richten. Sprechen Medien von «Jugendgewalt», sind zwei Gruppen gemeint: Minderjährige bis 17 Jahre und junge Erwachsene von 18 bis 25 Jahren.

Schliesslich unterscheiden die Behörden zwischen minderschweren und schweren Fällen. Die Oberjugendanwaltschaft betont, dass es sich bei den meisten tätlichen Vergehen «glücklicherweise» um minderschwere Gewalt gehandelt habe.

Noch mehr Zahlen

Während schwere Gewalt, Raub, Totschlag und Mord in ihrer Häufigkeit stabil bleiben, steigt die Zahl minderschwerer Gewaltakte, worunter auch eine Ohrfeige fällt. Auch sogenannte Vermögensdelikte – Diebstahl, Raub, Sachbeschädigung – nahmen im Vergleich zum Vorjahr zu, jedoch nicht in dem Ausmass wie die minderschweren Gewaltdelikte. Eine deutliche Zunahme attestiert die Oberjugendanwaltschaft Verstössen gegen das Strassenverkehrsgesetz. Immerhin: Verstösse gegen die sexuelle Integrität nahmen 2021 leicht ab. Dafür stieg der Anteil der verurteilten Mädchen mit 27,2 Prozent. Der Ausländeranteil von 34,4 Prozent bewegte sich nur leicht über dem langjährigen Mittel. Insgesamt sprachen die Jugendanwaltschaften im Jahr 2021 4850 Strafen aus, darunter 2761 Verweise, 927 persönliche Leistungen, 922 Bussen und 144 Freiheitsentzüge.

Kriminalität in den Gemeinden

Gemäss dem Dialog zwischen ­Marco Wyss, dem Zolliker Polizeichef-Stellvertreter, und der Kantonspolizei sei die Jugendkriminalität von 2017 bis 2021 konstant auf tiefem Niveau, sowohl für Zollikon als auch für ­Zumikon. Betäubungsmittel-, Gewalt- oder Diebstahl-Delikte kämen selten bis gar nicht vor. Aus den wenigen Zahlen sei eine Tendenz für die Zukunft unmöglich abzusehen.

Der Krimi im Chapf

Kein Wunder, dass Vorkommnisse wie in der Chapfstrasse in Zumikon alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele von uns leben in diesen Gemeinden und fühlen sich sicher. Ein Diebstahl, ja, eine ganze Diebstahlreihe, dann noch im selben Quartier, beunruhigt. Mittlerweile ereignete sich ein weiterer Einbruch an der Ebmatingerstrasse. Die Polizei vermutet keinen Zusammenhang. Die Gerüchteküche aber brodelt. Die Nachbarn sind wachsam und melden jede noch so kleine Ungereimtheit. Mal mit Erfolg, mal mit weniger. Die im Wald entdeckte Hütte jedenfalls hat nichts mit der Einbruchsserie im Chapf zu tun – dies versicherte die Bundespolizei kürzlich erst. Die Ermittlungen laufen; eine Festnahme steht aus.

Fort von der Fokusgruppe

Weitet man die Gruppe der Jugendlichen aus auf erwachsene Straf­täter, ergibt sich ein anderes Bild. Gemäss der Medienkonferenz vom 28. März 2022 zur Kriminalstatistik 2021 zeigte sich: Die allgemeinen Straftaten nahmen 2021 deutlich ab, trotz steigender Einwohnerzahlen. Auf die Schulter klopfen kann sich die Stadt Zürich nicht: Zürich ist der Bezirk mit den meisten Straftaten des Kantons. Menschen in städtischem Gebiet machen sich häufiger einer Straftat schuldig als Menschen auf dem Land. Zum einen scheint die Anzeigebereitschaft in der Stadt höher, zum anderen bietet Zürich unzählige Gelegenheiten und Verlockungen für Langfinger. Schliesslich ist in der Stadt die soziale Kontrolle geringer. Dieb und Beobachter werden einander in der Masse der Menschen kaum wieder begegnen.

Die Frage nach dem Warum

Warum Menschen, vor allem Jugendliche, kriminell werden, hat schon viele Wissenschaftler beschäftigt. Dirk Baier, Leiter des ­Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention ZHAW, meint: «Subjektiv schlechter werdende ­Zukunftsperspektiven können ein Grund dafür sein, dass Jugendliche vermehrt kriminelle Taten begehen.» Die soziale Lage junger Menschen hat sich in der Schweiz seit 2015 stark verbessert. Doch nicht jeder sieht diese Änderungen ­objektiv oder gar positiv. Viele Jugendliche malen sich ihre Zukunft sehr viel düsterer. Schliesslich gibt es zahlreiche Faktoren, die einen jungen Menschen dazu veranlassen können, aus Recht und Ordnung Unrecht und Chaos zu machen und gängige Normen zu brechen. Die ZHAW-Studie sieht als mögliche Ursachen für Gewaltdelikte im Jugendalter mitunter Missbrauch in der Kindheit oder ein unausgeglichenes Alltagsleben, das von Strukturlosigkeit und Langeweile geprägt ist. Nicht zuletzt stuft die ZHAW übermässigen medialen Gewaltkonsum als riskant ein. Ebenfalls haben Jugendliche heute immer häufiger und früher Kontakt mit Alkohol, Drogen und gegebenenfalls Waffen.

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