Zuhören ist Wertschätzung

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 21. Juli 2022

Warum reden wir so oft aneinander vorbei? Das Interesse war gross am Vortrag von Rudolf Steiger. «Wenn Ihnen die Beispiele fremd vorkommen, seien Sie dankbar.»

Wie kann man ehrlich und wohlwollend kommunizieren? Das interessierte Anfang Juli viele Besucherinnen und Besucher in Zumikon. Rudolf Steiger (l.) begeisterte mit erfrischend humorvollem Referat. (Bilder: bms)

Unter den vielen Zuhörenden, die Anfang Juli auf Einladung der «Senioren für Senioren» in den Gemeindesaal geströmt sind, waren erstaunlich viele Ehepaare. Das Verlangen nach Harmonie scheint nie zu enden. Erfrischend und selbstironisch beleuchtete ­Rudolf Steiger die Formen der Kommunikation. Er ist darin Experte. So war er lange Professor für Menschenführung an der ETH Zürich und hält regelmässig Kommunikationsseminare im In­- und Ausland. Er vermerkte gleich darauf, dass er für die grossen Kommunkationstheorien keine Zeit mehr habe; er arbeite lieber mit Beispielen. «Wenn Ihnen hier etwas bekannt vorkommt, müssen Sie nicht nicken. Kommt es Ihnen nicht bekannt vor, seien sie einfach nur dankbar.»

«Es ist grün!»

Seine These: Kommunikation wird fast immer anders wahrgenommen, als sie gemeint war. Damit könne der Satz der Beifahrerin «Es ist grün» einfach eine Information sein. Mehr nicht. Beim Fahrer allerdings käme ein Vorwurf an. Unsere Wahrnehmung sei niemals objektiv, sondern immer relativ. Wir verglichen Äusserungen automatisch mit den eigenen Erwartungen, Erfahrungen oder Hoffnungen: «Sie sind so lange mit Ihrem Einkommen zufrieden, bis Sie das Einkommen Ihres Bürokollegen erfahren.» Der Mensch vergleicht sich stets und bewertet sofort.

Rudolf Steiger brach eine Lanze für das Schweigen. Für das aktive Nichtssagen, für das rege Zuhören. «Vergessen Sie nicht, ohne Zuhörer ist das Reden sinnlos.» Dabei heisse zuhören nicht, einfach so lange zu warten, bis das Gegenüber fertig ist – und dabei selber schon zu überlegen, was man sagen möchte. Es heisse wirklich, die Worte zu verstehen – im besten Fall sogar die Gefühle, die dahinterstecken. Auch wer betroffen ist, könne hervorragend schweigen. Sätze wie «Das wird schon wieder» seien oftmals kontraproduktiv. Noch schlimmer sei es, beim Leid des Gegenübers von eigenen Problemen zu reden. «Man kann auch schweigend gut nachdenken und wird dann nicht überrascht von dem, was man sich sagen hört», brachte er ein weiteres Argument. Ganz wichtig sei das auch bei Unwissenheit: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten. «Am Zuhören erkennt man Wertschätzung», unterstrich der Referent. Fazit: Nur wer richtig zuhört, hat die Chance, den anderen zu verstehen.

Offene Fragen stellen

Vom aktiven Zuhören zum aktiven Reden: «Stellen Sie offene Fragen», betonte Rudolf Steiger. Also nicht das Kind beim Mittagessen fragen, wie die Schule gewesen sei. Einleitungen wie «Als ich in deinem Alter war» seien selten zielführend. Ausser, dass das Kind nun weiss, dass man nicht als Grossvater auf die Welt gekommen ist. «Fragen Sie Ihr Enkelkind doch, wie es durch die Coronazeit, durch das Homeschooling gekommen ist. Wie es sich angefühlt hat. Tauchen Sie ein in die Welt des Kindes.» Auch für das ­Leben als Paar gab der Experte wertvolle Tipps. So sei der Satz «Jemand sollte mal den Kehricht rausbringen» doch viel netter, als wenn er als Befehl daherkäme, und man genau weiss, wer damit gemeint ist. Das Resümee des kurzweiligen Nachmittags: Ehrliches Interesse, das sei einfach, aber nicht immer leicht.

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