Verbrauch runter, Effizienz rauf

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 3. November 2022

Ein ETH-Professor für Energietechnik räumt mit falschen Annahmen auf und plädiert für eine inter­nationale Zusammenarbeit.

Das Interesse am Vortrag war gross. Dabei ging es nicht nur um den kommenden Winter, sondern um die globale Energiewirtschaft und um den Einsatz alternativer Methoden. (Bild: bms)

Gleich mit drei Aspekten der Energieversorgung befasste sich Konstantinos Boulouchos vergangene Woche auf Einladung des Quartiervereins Zollikerberg. Der emeritierte ETH-Professor für Energietechnik hatte dabei die Sicherheit, die Wirtschaftlichkeit und das Klima im Fokus. Dem interessierten Publikum konnte er am Schluss sogar ein ganz klein bisschen Hoffnung machen. Der Wissenschaftler, der ebenfalls im Zollikerberg lebt, hatte aber keine ganz neue Erkenntnis für die nahe Zukunft. «Wir kommen zurzeit nicht umhin, Energie zu sparen. Mehr können wir in den nächsten Monaten nicht tun», unterstrich er in seinem temporeichen Vortrag. Seine klare Devise: weniger Mobilität, weniger heizen. «Mit der Summe der kleinen Massnahmen können wir aber schon einiges erreichen.» Sein Blick ging natürlich über den kommenden Winter hinaus. «Es gibt ein Energietrilemma. Die drei Ziele heissen: mehr für das Klima tun, Versorgungssicherheit gewährleisten und auf die Kosten achten.»

Historische Verantwortung

Der Energiebedarf ist enorm: Die Schweizer Bevölkerung verbraucht pro Jahr ungefähr 230 Terawattstunden. Der grösste Teil entfällt dabei auf den Verkehr (38 Prozent), es folgen die Haushalte (28 Prozent), die Industrie (18 Prozent) und die Dienstleistungen (16 Prozent). Knapp 70 Prozent dieser Energie sind importierte, klimaschädliche fossile Stoffe. Hier liege klimatechnisch gesehen das grosse Problem. Mit einem Vorurteil räumte er jedoch auf. «Das Narrativ sagt, dass China und Indien hauptsächlich für die Klimaerwärmung verantwortlich seien.» Dabei sei der Dreck, der aktuell in der Luft sei, während der Industrialisierung entstanden. «Das ist eine historische Verantwortung, die auch wir tragen», erklärte Konstantinos Boulouchos.

Und damit spannte der 66-Jährige den Bogen zur Schweiz, zu unseren Möglichkeiten. «Langfristig müssen wir uns einerseits einschränken und andererseits die Effizienz erhöhen. Fossile Energien müssen durch erneuerbare Energien ersetzt werden.» Der Ersatz sei allerdings nicht überall möglich, räumte er ein. Notwendig sei also der Einsatz für E-Fuels zum Beispiel für schwere Lkw, Hochseeschiffe oder Flugzeuge. E-Fuels, synthetische Kraftstoffe, könne die Schweiz aufgrund der Infrastruktur nicht selbst herstellen. Es fehlten genügend Photovoltaik-Anlagen und Windräder, welche die Menge des benötigten Stroms produzieren könnten. Die Lösung sieht der Energietechniker darin, dass E-Fuels in sonnenreichen und windstarken Gegenden hergestellt werden, zum Beispiel in Ländern Südamerikas, von wo die Schweiz den annähernd klimaneutralen Kraftstoff importieren könnte. Er sprach sich dabei vehement für die Diversität beim Einkauf aus. Nötig sei eine internationale Zusammenarbeit mit langfristigen Verträgen.

Kostenwahrheit gefordert

Mit Blick auf den Strommarkt sprach sich der Professor für eine Mischung aus Wasserkraft, Photovoltaik und erneuerbare Brennstoffe respektive Kernkraft aus. Aber auch dabei sei eine Erhöhung der Effizienz gekoppelt mit einem sparsameren Umgang. Er forderte zudem eine Kostenwahrheit bei den Energiepreisen. Nur wenn über eine Lenkungsabgabe als Rückerstattung die Bevölkerung profitieren könnte, steige auch deren Motivation. «Das Energieproblem ist eine globale Herausforderung.» Aber jeder könne beitragen, sich dieser zu stellen.

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