Weg vom Spital hin zur individuellen Behandlung

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 27. April 2023

Der stationäre Krankenhaus­aufenthalt kann auch im eigenen Schlafzimmer stattfinden: ein Pilotversuch des Spitals Zollikerberg.

Zahlreiche Besucher und Besucherinnen wollten sich über die Vorteile der Behandlung im eigenen Zuhause informieren. (Bilder: bms)
Zahlreiche Besucher und Besucherinnen wollten sich über die Vorteile der Behandlung im eigenen Zuhause informieren. (Bilder: bms)

Als der Quartierverein Zollikerberg vergangene Woche zu einem Vortrag einlud, sassen auffallend viele ältere Männer und Frauen im sehr gut besuchten Saal. Dabei ist das Angebot «Hospital at home» des Spitals Zollikerberg bei weitem nicht nur für Senioren geeignet. Aber da im Alter die Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthaltes steigt, wollte sich das Publikum bereits im Vorfeld über den Pilotversuch informieren. Zu Gast war Werner Widmer, ehemaliger Direktor der Stiftung des Diakoniewerks – ein grosser Verfechter von «Visit», dem Angebot, sich als Krankenhauspatient zu Hause versorgen zu lassen.

Urs Schneider stellte den Referenten ausführlich vor. So war der studierte Ökonom zunächst am Unispital Basel tätig, später zwei Jahre Direktor des Unispitals Zürich, um anschliessend in die Beratung zu wechseln. 2001 wurde Werner Widmer schliesslich Direktor des Diakoniewerks Neumünster und brachte das Konzept «Visit» mit auf den Weg.

Parallele zwischen Spital und CS

Zu Beginn seines kurzweiligen Vortrags blendete er weit zurück und erinnerte an die Gemeinsamkeit der Credit Suisse und des Spitals Zollikerberg. «Beides waren Anstalten, so wie im 19. Jahrhundert plötzlich viele Anstalten ins Leben gerufen wurden.» Es gab Blinden- und Kinderheime, Kreditanstal-
ten und Sonderschulen. Werner Widmer ging sogar noch einen Schritt weiter und verglich eine Gefangenenanstalt mit einem Spital. In beiden gebe es besondere Kleidung, es gab bis vor nicht allzu langer Zeit auch im Krankenhaus Besuchszeiten, und wer gehen möchte, muss auf die Entlassung warten. «Der Tagesablauf ist genau geplant, es gibt keinerlei Freiheit, es findet fast eine Wegnahme der Identität statt.» Der Weg in die Zukunft müsse wieder zu ambulanten und individuellen Angeboten führen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. So wie bei «Visit», das vom Spital Zollikerberg seit ­November 2021 angeboten wird. Natürlich sei die Pflege im eigenen Zuhause nicht für jeden Patienten geeignet. Gewisse Kriterien müssen erfüllt sein. Dazu zählen: Der Patient darf nicht alleine wohnen; es muss eine stabile Situation vorliegen; der selbstständige Gang zum WC muss gewährleistet sein wie das selbstständige Trinken. Zudem darf die Wohnung nicht weiter als fünf Kilometer vom Spital entfernt sein, damit im Zweifelsfall ein Arzt schnell zur Stelle ist. «Allerdings musste bislang bei 78 Patienten nur zweimal ein Team aus­rücken.» Ganz wichtig sei auch, dass ein Patient selber den Wunsch habe, lieber zu Hause zu genesen. «Wer einen Aufenthalt im Krankenhaus vorzieht, ist natürlich willkommen», unterstrich der Referent. Die Vorzüge des Projekts seien ­jedoch immens: Die Patienten ­würden sich zu Hause viel mehr bewegen als im Spital, sie blieben selbstständiger, es käme zu weniger zusätzlichen Infektionen und auch nicht zu Verwechslungen bei der Medikamentenverteilung. «95 Prozent der bisherigen Patienten haben bestätigt, dass sie wieder die Pflege zu Hause dem stationären Aufenthalt vorziehen würden.»

Viele Vorteile, viele Kosten

Den Argumenten für dieses Programm stehen allerdings die Kosten gegenüber. Jeder Patient, jede Patientin wird einmal am Tag von einem Arzt besucht, zweimal täglich kommen Pflegerinnen oder Pfleger. Zudem sind die Patienten mit Sensoren für Puls und Blutdruck ausgestattet. Die Daten werden pausenlos gecheckt. In der ­ersten Phase bezahlten die Krankenkassen die Leistungen ohne die Hotelleriekosten, den Rest übernahm die Stiftung. Das Spital Zollikerberg könne sich das aufgrund der hervorragenden finanziellen Situation erlauben, zudem sei von Anfang klar gewesen, dass «Visit» in den ersten Jahren ein Zuschussgeschäft sein würde. «Wir finden das Angebot aber sehr sinnvoll und wollen daran festhalten», betonte Werner Widmer. Finanziell tragbar würde es allerdings erst dann, wenn andere Spitäler sich beteiligten. Parallel dazu gibt es Überlegungen, das Angebot auszuweiten. Dann sollen auch Patienten, die alleine wohnen, auf die herkömmliche Hospitalisierung verzichten können, auch würde der Radius des Wohnortes rund um das Krankenhaus grösser. Wenn im Zollikerberg von Krankenfahrten die Rede ist, stehen schnell die geplanten Schranken der Forchbahn vor Augen. Im Notfall würde ein Krankenwagen warten müssen. «Mit der Situation sind wir natürlich nicht glücklich», meinte der Referent. Das Thema wird aber demnächst in einem weiteren Vortrag des Quartiervereins tiefer beleuchtet.

Zum Schluss führte Werner Widmer nochmals weit zurück. «Früher war es üblich, dass nur die armen Leute ins Spital kamen. Die reichen Bürger liessen sich vom Arzt zu Hause behandeln.» Eine solche Behandlung im eigenen Heim sei also keine neue Erfindung – sollte aber unabhängig vom Budget sein.

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