Fest verwurzelt, doch voller Leichtigkeit

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 24. August 2023

Annemarie Waibel widmet ihre Skulpturen der Weiblichkeit: ein Haus voller Kunst und Farbe.

Annemarie Weibel zwischen zwei Skulpturen mit «Pussyhats», ein Statement. (Bild: bms)
Annemarie Waibel zwischen zwei Skulpturen mit «Pussyhats», ein Statement. (Bild: bms)

Eigentlich wohnt in dem charmanten Haus ja Annemarie Waibel. Aber in Wirklichkeit lebt im hundertjährigen Gebäude im Zollikerberg die Kunst. Sie verzaubert jeden Raum – auch den Garten. Zwischen den alten Bäumen, den Büschen, neben dem kleinen Teich sitzen, stehen und fliegen Figuren. Es ist nicht so, dass Annemarie Waibel die Skulpturen machen möchte. «Es ist eine innere Kraft, eine Energie, die mich dazu bringt.»

«Es ist eine innere Kraft, eine Energie, die mich dazu bringt.»

Immer wieder sind «Pussyhats» zu sehen, benannt nach ihrem Erkennungszeichen, der pinken Mütze mit Katzenohren. Sie bedeuten der Zollikerin die künstlerische ­Inkarnation der kollektiven Kraft. Ein Statement für die Sichtbarkeit von Frauen. Pink und Lila stehen weltweit für das Engagement zugunsten weiblicher Solidarität. In ­Museen sind sie selten zu sehen. «In den Museen dominieren die Männer», meint die Künstlerin, und unterstreicht, ihr Engagement richte sich nicht gegen Männer, sondern gelte eben nur den Frauen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Geboren wurde Annemarie Waibel in Witikon. «Ich habe es also nicht weit gebracht, nur über den Wehren­bach», lacht sie, und weiss wahrscheinlich, dass sie es sehr wohl weit gebracht hat. Schon im Kindergarten entdeckte sie ihre kreative Ader. Doch als es später um die Berufswahl ging, traute sie sich nicht, auf die Kunst zu setzen. Das habe auch nicht zu ihrer Familie gepasst. So machte sie die Matur und studierte an der Uni Zürich Psychologie. Noch heute bietet die Frau mit den extrem wachen Augen Coachings für Führungskräfte an. «Doch ich bin im Pensionsalter. Da erlaube ich mir, weniger zu arbeiten und mehr künstlerisch tätig zu sein.» Dabei würden die beiden Standbeine sich gegenseitig nicht behindern. «Ich brauche beides.» Die Schnittmenge zwischen der Psychologie und der Kunst ist gross: Der Mensch steht immer im Mittelpunkt.

Bei den figürlichen Darstellungen – ob aus Kunststoff, Beton, Messing oder Bronze – ist es vor allem die weibliche Figur: anmutig, verträumt, stolz, auch kraftvoll. Besondere Ruhe strahlt der weibliche Buddha in der Ecke des Zimmers aus. Bei aller Schwere des Materials ist es Annemarie Waibel wichtig, dass die Figuren Leichtigkeit verkörpern. Im besten Fall Gelassenheit. Und dass sie die Betrachtenden in irgendeiner Form berühren. «Das ist der schönste Moment.»

Fern vom Mainstream

Weniger als Schmerz, Kampf und Feindlichkeit bringt Annemarie Waibel gern menschliche Gefühle wie Begeisterung, Kraft, Liebe, Vertrauen, Empathie und Ganz-bei-sich-Sein zum Ausdruck. Dabei lässt sie sich von keiner Stilrichtung einfangen oder festlegen. Sie lässt Mainstream und Modewellen links liegen und folgt der Intuition. Manchmal sei eine Form ganz schnell gefunden, mal hadere sie lange, quäle sich gar. Die Grundlage von allem ist das Handwerk. Sie hat zahlreiche Kurse besucht, doch selbst Kurse geben, das sei nicht ihr Ding. «Ich will es nicht anderen zeigen; ich will es selber tun.» Dabei kann sie sehr ausdauernd sein. Als sie anlässlich einer Ausstellung in der Villa Meier-­Severini auch im Park Skulpturen aufstellen wollte, wurde ihr das zunächst verweigert. Der Park sei der Sammlung vorbehalten. Am Ende stellte sie auch im Park aus. Annemarie Waibel ist keine laute Person, nur hartnäckig. Ihre Plastiken sind präsent, selten auch provokant. Besonders eindrucksvoll sind die aufwendigen Bronzeskulpturen, von wenigen Zentimetern bis zu lebensgrossen Frauengestalten. Das alte Handwerk des Bronzegusses werde nur noch in wenigen Giessereien gepflegt.

«Ich will es nicht anderen zeigen; ich will es selber tun.»

Skulpturen bis unter das Dach

Auf dem Weg von der «guten Stube» hinauf unter das Dach ins Atelier kann sich das Auge nicht sattsehen. Es überrascht eine Büste, eine tierische Darstellung, eine Skizze. Überall ist Farbe im Spiel. Nicht nur das Pink der Pussyhats. Da ist ein gut gelaunter gelber Hut, ein zartes Blau, ein verliebtes Rot. Das vielleicht Faszinierendste ist die Balance von Schwere und Leichtigkeit. Die Skulpturen sind fest verankert, manche aufgrund ihres steinernen Gewichts. Doch die Figur selber tanzt oder wiegt sich im Wind, strebt aufwärts. Auch Annemarie Waibel strebt Neuem entgegen – etwa der nächsten Ausstellung, die eine Auswahl ihrer Werke in Dübendorf zeigen wird.

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