Sechste Glocke für St. Michael

Von Franca Siegfried ‒ 19. Januar 2024

Die Grundsteinlegung der katholischen Kirche St. Michael war vor 60 Jahren. Dieses Jahr wird das Geläut eine neue, sechste Glocke bekommen. Experten sprachen im Pfarreizentrum über die Kultur­geschichte der Glocke und ihre Recherche zur Neuen namens Bruder Klaus

Der Turm der katholischen Kirche St. Michael im Zollikerberg wurde vor 60 Jahren gebaut. (Bild: cef)
Der Turm der katholischen Kirche St. Michael im Zollikerberg wurde vor 60 Jahren gebaut. (Bild: cef)

Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich … Wer kennt nicht Friedrich Schillers Lied von der Glocke. ­Letzte Woche hat Pfarrer Pascal ­Marquard das ereignisreiche Jahr 2024 der Katholischen Kirchgemeinde Zollikon-Zumikon mit zwei ­Glockenexperten eröffnet. Vor 60 Jahren wurde der Grundstein der Kirche St. Michael geweiht. Seit 1966 klingen fünf Glocken über den ­Zollikerberg. Sie wurden alle bei Rüetschi AG in Aarau gegossen. Nun soll zum Jubiläum das ­Glockenspiel «Familienzuwachs» bekommen – die Weihe ist für November geplant.

35 Geläute pro Wochenende

Ihr Interesse für Kirchenglocken, das Hobby von Manuel Sestito (25) und Fabian Thürlimann (42), wurde zur Berufung – daher bekamen sie eine beratende Rolle für die sechste Glocke. Letzte Woche berichteten sie über ihre Recherche und über Glocken im Allgemeinen, das erste Musikinstrument für kultische und religiöse Hand­lungen. Eine Kulturgeschichte in Kurzform, das Publikum im Pfarreizentrum mit rund 30 Gäste war interessiert. Nebst der kirchlichen Bedeutung setzte man Glocken in Zeiten von Revolutionen und Kriege weltlich ein. Im ersten Weltkrieg beispielsweise wurde die Hälfte aller Kirchglocken zu Kanonen eingeschmolzen. Die Digitalisierung ermöglicht Manuel Sestito und Fabian Thürlimann, die Glockenspiele in persönlichen Datenbanken aufzuzeichnen. An einem Wochenende zeichnen sie bis zu 35 Geläute auf. Als Beweis nehmen sie das Publikum auf eine akustische Tour de Suisse mit: St. Peter in Zürich, Luzerner Hofkirche, Berner Münster, St. Ursen in Solothurn, die Genfer Kathe­drale St. Pierre und San Vitale von Chiasso. Bei dem Geläut der Pfarrkirche San Vitale seufzen einige im Publikum – Ferienstimmung mit Tessiner Glockenmusik.

Jede Glocke ist einzigartig

Fabian Thürlimann nimmt sich Zeit, den Klang einer Glocke zu erklären. Der Tonaufbau besteht aus Teiltönen, sogenannte Teilschwingungen, die sich überlagern. Der Schlagton, die wahrgenommene Tonhöhe, bilde sich jedoch erst im Ohr. Es gebe keine identischen ­Glocken, jede sei einzigartig. Viele Faktoren, etwa Aufbau des Glockenkörpers, Form des Klöppels, Metalllegierung wie auch Gusstemperatur beeinflussen den Klang. Die beiden Experten haben die ­Glocken von St. Michael analysiert. Alle fünf tragen Namen: Die Heilige Dreifaltigkeit ist mit 2100 Kilogramm die schwerste, neben Jungfrau Maria, Sankt Michael, Sankt Paulus und Antonius, der kleinsten mit 500 Kilogramm. Und die Neue wird Bruder Klaus heissen. Wie soll Bruder Klaus klingen? Manuel ­Sestito und Fabian Thürlimann haben das neue Geläut, welches ab November über den Zollikerberg klingen wird, ­digital simuliert. Es ist jedoch keine Hauptprobe, erst nach dem Guss wird der Klang der Glocke definitiv bestimmbar sein. In dem Turm mit fünf Glocken muss die Sechste genügend Platz haben. Dazu gehört auch die Überprüfung der Statik des Kirchturms aus Beton. Schwingende Glocken lassen einen Turm erzittern, es ­erfordert eine entsprechende Konstruktion. Alles ist vorbereitet, abgeklärt – eine Delegation der Kirchgemeinde wird nach Aarau zu Rüetschi AG reisen und bei der ­«Geburt» des Familienzuwachses dabei sein. Und Bruder Klaus heisst auch die Kapelle in Zumikon, 1980 gebaut – ohne Glockenspiel.

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