Für mehr Lebensqualität

Von Franca Siegfried ‒ 26. Januar 2024

Die nationale Strategie des Bundesamtes für Gesundheit hat «Palliative Care» seit 14 Jahren im Fokus. Die Umsetzung im Kanton Zürich ist auf gutem Weg, so auch im Spital Zollikerberg. In der Stiftung Diakoniewerk Neumünster hat Sabine Millius mit einem internationalen Team über den existenziellen Schmerz ein Fachbuch herausgegeben.

Besser leben, weniger leiden – auch im Alter selber bestimmen können, was Freude macht, etwa im Grünen spazieren. (Bild: cef)
Besser leben, weniger leiden – auch im Alter selber bestimmen können, was Freude macht, etwa im Grünen spazieren. (Bild: cef)

Manchmal heilen, oft lindern, trösten immer – mit diesen Gedanken entwickelte sich in der vorwiegend technisch orientierten Medizin in den 1960er-Jahren in einer Londoner Klinik die Rückbesinnung auf allumfassende Bedürfnisse schwerkranker Menschen: Palliative Care. Sie gehört heute zur modernen Medizin und zur nationalen Strategie des Bundesamtes für Gesundheit BAG von 2010–2015 und ist Teil der gesundheitspolitischen Strategie 2020–2030. Letztes Jahr verfügten von den 26 Kantonen in der Schweiz 20 Kantone über mindestens eine ­Palliativ Station in den Kliniken. Zudem bieten Wohn- und Pflegeheime vermehrt Palliative Pflege an. Mit dem grossen Bedürfnis der alternden Bevölkerung, daheim gepflegt zu werden, sind mobile palliative Dienste unterwegs, etwa bei der Spitex oder in spezialisierten mobilen Diensten. Allein im Kanton Zürich verfügen rund acht Spitäler über eine Abteilung, welche Menschen nach den nationalen Richtlinien «Palliative Care» pflegen. Dazu gehört das Spital Zollikerberg mit elf ruhig gelegenen Einzelzimmern. Für die Langzeitpflege gibt es zusätzlich die Möglichkeit des Wohn- und Pflegeheimes Magnolia in der Residenz Neumünster Park direkt neben dem Spital. Beide sind Teil der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule. «Von rund 300 behandelten Palliativ-Patientinnen und -Patienten pro Jahr verlassen uns rund 200 in eine Langzeit-Palliative-­Care-Einrichtung oder nach Hause», sagt Katja Albrecht, Leitende Ärztin Innere Medizin mit Schwerpunkt Palliativmedizin. «Palliative Care darf daher keineswegs mit einer Sterbestation gleichgesetzt werden. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, dieses Wissen zu vermitteln und auch auf die Spektren an Krankheitsbildern einzugehen.»

Existenzieller Schmerz

Sabine Millius ist als Fachexpertin im Institut Neumünster tätig, dem Kompetenzzentrum für Entwicklung im Gesundheitswesen, ein weiterer Betrieb der Stiftung Diakoniewerk Neumünster. Zusammen mit Katharina Heimerl, Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien, hat sie letztes Jahr eine umfassende Publikation herausgegeben. 35 Expertinnen und Experten verfassten ein Buch mit dem Titel «Total Pain in der Palliativen Geriatrie». Was sich auf den ersten Blick als Fachbuch präsentiert, ist ein berührendes Lehrbuch über den Umgang mit dem existenziellen Schmerz. Die meisten Texte sind auch für interessierte Laien verständlich. Innerhalb der Palliative Care nimmt «Total Pain» das ganzheitliche Menschenbild am besten wahr. Mit der Tatsache, dass das Leben zu Ende geht, verblasst der akute Schmerz und wird zum allumfassenden Abschiedsschmerz. Es geht dabei um Sorgen, Sinnfragen und mitmenschliche Probleme. Erzählen zu können hilft den Kranken, ihr Leiden zu lindern: Im Schmerz wahrgenommen zu werden, die Möglichkeit, ihre Lebenserkenntnisse weiterzugeben, aber auch über Trauer und Verzweiflung zu reden. Als Kompetenz für die Betreuung braucht es keinen akademischen Grad, sondern Wertschätzung für das Gelebte, für Menschen an sich und geduldiges Zuhören. Deshalb ist «Total Pain» interdisziplinär aufgestellt. Für diese Publikation haben nebst Pflegefachfrauen, Medizinerinnen und Medizinern auch Theologinnen und Theologen, ein Historiker, eine Sozialpädagogin, ein Soziologe, aber auch eine Betroffene geschrieben. «Total Pain» bedeutet gleichzeitig Schmerz, ausgelöst durch seelische Bedrückung mit einer spirituellen Dimension. Entsprechend ist jeder Schmerz ein persönliches Sinnes- und Gefühlserlebnis. «Total Pain» ist eine subjektive Erfahrung, die sich mit streng wissenschaftlichen Kriterien nicht messen lässt.

Einsamkeit tut weh

Besonders im vierten Lebensalter, Menschen über 80, ist der biografische Schmerz ausgeprägt: Über das gelebte Leben nachzudenken tut öfters weh. Und was es bedeutet, wenn Menschen nur noch auf virologische Gesundheit reduziert werden, das hat die Covid-19-Pandemie gezeigt. Die medizinischen Massnahmen vernachlässigten teilweise gezwungenermassen soziale Dimensionen, etwa Besuchsverbot in Alters- und Pflegeheimen, auch in Spitälern. Die Erkenntnis daraus? Nebst lebensbegrenzender Krankheit wird der Schmerz durch psychosoziale Leiden verstärkt. Kurz gesagt: Auch Einsamkeit tut weh.

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