Bin ich normal?

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 2. Februar 2024

Orientierung im Dschungel jugendlicher Sexualität. Die Eltern sind gefragt: ohne Scham, aber nicht schamlos.

Plattformen wie Instagram oder auch TikTok vermitteln nicht selten falsche Erwartungen – auch an den eigenen Körper. (Bild: zzb)
Plattformen wie Instagram oder auch TikTok vermitteln nicht selten falsche Erwartungen – auch an den eigenen Körper. (Bild: zzb)

Den eigenen Körper, die eigene Sexualität kennen zu lernen, war schon immer spannend. Die Elterngeneration tat das oft mithilfe des Jugendmagazins Bravo, Dr. Sommer und auch mit «Schmuddelbildern» aus der hintersten Schublade. Die heutige Jugend dagegen wird – ob sie will oder nicht – konfrontiert mit Nacktheit und intimen Details. In diesem Dschungel die Orientierung zu finden, ist zum Teil Aufgabe der Schule, vor allem aber Aufgabe der Eltern. Wie diese ihre Kinder begleiten können, darüber sprach Heike Junge vergangene Woche an der Sekundarschule. Die Schulsozialarbeiterin und Sexualpädagogin appellierte an die Mütter und Väter: Es gibt nicht das eine Aufklärungsgespräch, und damit ist alles geklärt. Die Eltern sollten präsent sein, respektvoll, neugierig, ohne Scham – aber nicht schamlos. Immerhin seien Jugendliche, die gut aufgeklärt seien, auch besser geschützt vor sexuellen Übergriffen.

Grosse Unsicherheiten

Obwohl das Thema Sexualität in der Pubertät eine so wichtige Rolle einnehme, sei es auch geprägt von erheblichen Unsicherheiten. Viele Fragen der Jugendlichen wie «Wie lange dauert Sex?» oder «Wie gross muss ein Penis sein?» gingen vermehrt in eine Richtung: Bin ich normal? Diese Frage komme zu einem Zeitpunkt, in dem der Körper und das Gehirn in einem Umbauprozess sind. Und jeder, der schon mal umgebaut hat, weiss, was für ein Chaos entstehen kann. In der Pubertät wächst alles: Busen, Haare, Hoden, Lust und Neugierde. «Werden Sie als Eltern mit Fragen konfrontiert, die Sie nicht beantworten können, ist das nicht schlimm. Aber sie sollten offen sein», riet Heike Junge. Damit kann auch für Eltern ein spannender Weg beginnen, sind sie doch nicht selten mit der Einstellung aufgewachsen: Alles unter der Gürtellinie ist pfui und wird nicht benannt. «Sie alle sind Vorbilder für Ihre Kinder.» Werde zu Hause nicht über Sexualität gesprochen, lernen die Kinder, das Thema ist tabu. Noch im Tabubereich sei die Selbstbefriedigung bei Mädchen. «Immer noch wird das eher bei der männlichen Jugend toleriert.»

Neue Namen, altes Spiel

Dabei gibt es gerade heute viele neue Namen und Begriffe. «Situationship» ist so einer. Gemeint ist eine lockere – auch körperliche – Beziehung, in der man sich aber nicht so richtig festlegen möchte. Die Begriffe ändern sich, das Spiel bleibt gleich. Heike Junge informierte, dass immerhin drei Viertel der Jugendlichen beim ersten Mal mit einem Kondom verhüten. Sie weiss auch: 84 Prozent der 15-jährigen Jungen waren schon im Kontakt mit Pornografie. «Pornografie ist Realität. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.» Das heisse nicht, diese nur zur verteufeln. Den Jugendlichen müsse aber klar sein, dass der Unterschied zwischen Realität und Fiktion gross ist. Wenn Jungen die Grösse ihres Penis mit den Exemplaren aus Porno­filmen vergleichen, seien sie einfach schlecht beraten.

Wo aber holen sich Jugendliche Rat? Bei den Mädchen sind das die Mütter und die besten Freundinnen. Männliche Jugendliche informieren sich eher über die Schule oder auch Freunde. Eine rege Informationsquelle sei seit Jahren das Internet – mit guten und schlechten Tipps. Auch das Thema der sexuellen Identität wurde kurz angesprochen. Selbst wenn die neue Geschlechtervielfalt manchen zu weit geht: Für jeden Jugendlichen, der sich mit seinem angeborenen Geschlecht nicht wohl fühlt, ist das ein Problem, das sich auf die Psyche auswirken kann, was wiederum in der Schule spürbar wird. Mädchen und Jungen sollen angeregt werden, sich offen mit den eigenen körperlichen Wünschen auseinanderzusetzen.
Heike Junge animierte die interessierten Eltern, mit ihren Kindern auf die Reise in dieses Abenteuerland zu gehen – auch wenn die ­Kinder irgendwann an den Punkt kommen, dass Sex nicht nur zur Fortpflanzung dient. Spätestens bei der Frage, ob Mama und Papa häufiger Geschlechtsverkehr hatten als die Anzahl der Kinder wird es spannend.

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