Vom Bühnenbild bis zur Radierung

Von Franca Siegfried ‒ 8. Februar 2024

Der Weg der Schweizer Künst­lerin Silvia Kraus-Billeter ist geprägt von Zeitgeschichte, etwa nach dem Prager Frühling. Als Mutter von vier Kindern hat sie ihre Liebe für Radierungen nie aufgegeben. Die Zollikerin stellt einige Werke in der Galerie Milchhütte in Zumikon aus.

Die Künstlerin Silvia Kraus-Billeter lebt seit 30 Jahren in Zollikon, ihre Werke sind in der Galerie Milchhütte in Zumikon zu sehen. (Bild: fms)
Die Künstlerin Silvia Kraus-Billeter lebt seit 30 Jahren in Zollikon, ihre Werke sind in der Galerie Milchhütte in Zumikon zu sehen. (Bild: fms)

Ihre Faszination für die Oper trieb Silvia Billeter zweimal im Monat ins Zürcher Opernhaus. Die Gymnasiastin zahlte für den Platz jeweils vier Franken. Sie liebte Musik: «Doch das Optische, wie die Handlungen der Opern dargestellt und umgesetzt wurden, das war für mich einzigartig.» So erwachte der Wunsch, Bühnenbild zu studieren. Nach der Maturität musste sie zuerst ein Praktikum absolvieren. Ein Nachbar, Bühnenbildner im Opernhaus, vermittelte ihr den Platz: «Ich landete in der Hutmacherei und wurde in das ­Metier der Kostümbildnerin eingeführt.» Nach einem Jahr bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste in München und studierte dort von 1969 bis 1972.

Silvia Kraus-Billeter sitzt im Wohnzimmer an der Zumikerstrasse, ­erzählt von ihren ­Anlaufschwierigkeiten, den interessanten Professoren, als wäre es erst letztes Jahr gewesen. Die 78-Jährige beschreibt, wie sie sich alles erarbeiten musste, Begeisterung allein reichte an der Akademie nicht aus. Beim Kurs im Aktzeichnen schickte der Professor sie in die Radierwerkstatt. Die Technik, die sich für die junge Zürcherin auftat, war wie eine Erlösung. «Mich faszinierte, wie ich Kupferplatten immer wieder bearbeiten konnte, beim Papier hatte ich beim dritten Mal ausradieren ein Loch.» Die Technik, die schon Rembrandt van Rijn oder Albrecht Dürer kannten, begeisterte sie. 1972 reiste sie ­zurück nach Zürich und bewarb sich für ein Kunststipendium. Sie bekam den Zuschlag.

Arbeiten an der Prager Akademie

«Ein Münchner Freund riet mir, dass ich mit dem Stipendium nach Osteuropa ziehen sollte.» In Prag bezahlte sie monatlich 50 Dollar, damit sie an der Akademie die ­Radierwerkstatt benützen konnte. «Mein Vater bestärkte mich für dieses Abenteuer, obwohl es noch nicht lange her war, als die Russen in Prag einmarschierten.» Sie erzählt, wie sie als 23-Jährige als ­Exotin aus der Schweiz gefeiert wurde. Schnell lernte sie die Sprache. Von ihrem Zimmer in einem Studentenwohnheim blickte sie auf die Karlsbrücke.

Später bot ihr eine Dame aus den Kreisen der Akademie ein Zimmer an, und sie zog ins Prager Villenviertel. Als das Geld aufgebraucht war, bewarb sie sich für einen Job bei der Schweizer Botschaft. «Die wollten mich einstellen, da ich sehr gut Tschechisch sprach, aber bei der Rückfrage in Bern kam ein Njet.» Sie sei mit ihrem Schaffen an der Prager Akademie vermutlich in den Fokus des Schweizer Staatsschutzes geraten – das war noch vor dem Fichenskandal in Bern.

Der glückliche Hauskauf

Dank ihrem Tschechisch lernte sie auch ihren Mann Frantisek Kraus kennen – nicht etwa in Prag, sondern in Zürich. Er studierte Elektro­technik an der ETH und arbeitete danach als Wissenschaftlicher Adjunkt an der Hochschule. Sie gründeten eine Familie, die erste Tochter kam auf die Welt, es folgten drei weitere Kinder. «Als der Jüngste im Kindergarten war, ging ich wieder an meine Arbeit.» Sie lebten in Meilen in einer Mietwohnung, es war eng – und aus dem Elternschlafzimmer wurde ein Atelier: «Alle Kinder musizierten, Klavier, Geige, Cello und Horn, wir haben unsere Nachbarn arg strapaziert.» Als sie die Anzeige für das Haus in Zollikon sah, wusste sie, dies ist der richtige Lebensmittelpunkt. Die Kinder wollten erst nicht in das «Nobelkaff» ziehen. «Ich hatte damals unverhofft etwas Geld geerbt und so zogen wir 1994 nach Zollikon.» Der Kauf des Hauses aus den 1930er-Jahren sei ein Glücksfall gewesen.

Kupferblech vom Spengler

Wörter wie Glück, glücklicher ­Zufall schmücken die Erzählungen von Silvia Kraus-Billeter. Dem ­Leben vertrauen, neugierig und ­enthusiastisch sein – sie blieb sich bis heute treu. Und bestellt immer noch Kupferblech beim Spengler. Die Druckpresse steht im Raum neben dem Wohnzimmer. Sie imprägniert Kupferplatten mit Bienenwachs und Asphalt, danach zeichnet und ätzt sie auf dem Blech. Inspirieren lässt sie sich oft durch einzelne Wörter, Texte oder Gedichte. «Mindestens drei Minuten in ein Bad aus Eisenchlorid tauchen, je länger im Bad, desto dunkler färbt sich die Zeichnung auf der Platte.»

Als nächster Schritt wird der Lack entfernt, die Farbe auf die Platte aufgetragen, oberflächlich wieder abgewischt, zuletzt auch noch mit dem Handballen bearbeitet. «Es ist ein Handwerk. Ich mache nie mehr als fünf Abzüge, damit gelten sie im Kunsthandel als Unikate.» Feuchtes Papier wird auf die Platte gelegt und alles unter ­einer grossen Walze an der Druckpresse durchgezogen: «Klassische Radierungen entstehen im Tiefdruckverfahren, das ist auch auf dem Papier sichtbar.»

Inspiriationsquelle Musik

2017 hat sie erstmals in der Galerie Milchhütte in Zumikon ausgestellt, am 11. Februar folgt die nächste Ausstellung. Im Juni dann zeigt ein Museum in Benešov bei Prag eine Auswahl ihrer Werke. Aufmerksam auf Silvia Kraus-Billeter wurden die Kuratoren, als sie den Nachlass eines bekannten Kunsthistorikers sichteten und eine Radierung «Pro felicitate» als Neujahrskarte fanden. Voller Freude berichtet sie von diesem glücklichen Zufall, auch wie sie mit 55 Jahren noch eine Stelle in der Zolliker Gemeindebibliothek bekam und sich für ein ausgewähltes CD-Angebot klassischer Musik engagierte. Etwa von der deutschen Violinistin Isabelle Faust und dem russischen Pianisten Alexander Melnikov, der in Berlin lebt. Soeben hat sie ihn in Sergei Rachmaninows Villa in Hertenstein gehört. Er spielte auf dem Flügel, den Steinway&Sons dem russischen Komponisten zum 60. Geburtstag schenkten. Sie selber nimmt auch Klavierstunden, jedoch nur noch alle sechs Wochen – Musik bleibt eine Inspirationsquelle. Und da ist ja noch ihre Familie: «An Weihnachten sind wir mittlerweile neun Erwachsene und acht Kinder.»

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